Schüler präsentieren Stephan Weil Recherchen

Gymnasiasten arbeiten mit Profis am Projekt Erinnerungskultur der Gemeinde mit

Bissendorf (awi). Außerordentlich beeindruckt zeigte sich Nieder-sachsens Ministerpräsident Stephan Weil am Mittwoch von einer Präsentation der Arbeitsgemeinschaft von Schülern des Gymnasiums, die am Projekt Erinnerungskultur der Gemeinde Wedemark mitarbeiten. Das Projekt „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“ wurde im April 2014 durch Bürgermeister Helge Zych-linski ins Leben gerufen. Es sollte, wohl einmalig für eine Flächengemeinde wie die Wedemark, festgehalten werden, was sich in den Dörfern der heutigen Gemeinde von der der Spätphase der Weimarer Republik bis in die Frühphase der Bunderepublik ereignet hat.
Bereits mit dem ersten Symposium 2016 fand das Projekt überregionale und nationale Beachtung. Neue Themenfelder wurden erforscht, die Liste der Beteiligten länger. Neben Profihistorikern, und Hobbyforschern setzen sich auch Schüler des Gymnasiums Mellendorf im Projekt mit der Zeit auseinander. Sieben Buchbände und eine beeindruckende Präsentation sind bisher mit neuen Erkenntnissen veröffentlicht worden.
In Kürze werden weitere Werke die Geschichtsreihe ergänzen. Über den aktuellen Stand und die kommenden Vorhaben informierte sich Ministerpräsident Stephan Weil am Mittwoch im Bürgerhaus in Bissendorf. Der Titel der Präsentation, die die Schüler vorbereitet, mehrfach im Vorfeld durchgespielt und perfekt rübergebracht haben – lediglich der Ton des letzten Videos streikte – lautete „Katholische Flüchtlinge in der Wedemark“. Die Schüler berichteten von der Gründung der katholischen Kirchengemeinde in der Wedemark und von Interviews mit Zeitzeugen. Frau Gernt ist mittlerweile fast 100 Jahre alt. Sie hat auf Grund ihre Alters die meisten Erinnerungen an die Flucht selbst, die sie mit ihren Kindern und ihrer Mutter bewältigt hat. Durch einen zufälligen Kontakt kam die Familie nach Elze-Bennemühlen und fand Unterkunft bei Familie Rump. 1946 bekam sie eine eigene Wohnung bei Bauer Hemme. Die Geschwister Polakowski kamen 1945 in die Wedemark zum Bauern Engelke in Wennebostel und später zum Bauern Goltermann. Sie waren allerdings noch Kinder und haben an die eigentliche Flucht kaum Erinnerungen. Das gilt auch für den dritten Zeitzeugen Herrn Blaschke. Doch die Schüler haben sich nicht nur mit der Flucht, sondern vor allem auch mit der Integration der Flüchtlinge beschäftigt und schließlich wollten sie wissen, wo die ehemaligen Flüchtlinge ihre Heimat betiteln würden. Überraschend für die Zuhörer war die Antwort, dass dies für Frau Gernt noch immer das Riesengebirge ist, auch die Geschwister Polakowski bezeichnen als ihre Heimat Ostpreußen, während Herr Blaschke es diplomatisch formuliert: Für ihn ist Heimat dort, wo es ihm am besten gefällt. Die Schüler erfuhren von den Zeitzeugen, dass viele Flüchtlinge nach dem Krieg unter Ausgrenzung zu leiden hatten. Interkonfessionelle Ehen waren nicht gern gesehen.
Kirche 1958 gebaut
In der Wedemark hatte es nach dem zweiten Weltkrieg nur wenige Katholiken gegeben. 1946 wurde eine Notkapelle in Mellendorf an der Baracke Schwanenwik gebaut, 1958 dann die Katholische Kirche am Karpatenweg errichtet, die damals 1.655 Mitglieder gehabt habe. Viele der Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die in die Wedemark gekommen waren, waren katholisch. In einer Tabelle stellten die Schüler des zehnten und elften Jahrgangs, die sich in der Arbeitsgemeinschaft zusammengefunden haben, Aspekte der Ausgrenzung und der Integration gegenüber: Schwierigkeiten beim Baulanderwerb, interkonfessionelle Ehen, die nicht gerne gesehen waren und die Ausbeutung als Arbeitskraft auf der einen Seite, Wohnen bei Einheimischen und die Hilfe bei der Wohnungssuche durch die Gemeinde auf der anderen Seite. Auch die Mitgliedschaft in Vereinen der Wedemark sei für die Integration förderlich gewesen.
Die Schüler konnten am Mittwoch nur einen kleinen Teil ihrer Recherchen präsentieren, bekamen dafür jedoch ein ausdrückliches Lob vom Ministerpräsidenten. Ob sie Historiker werden wollten, fragte er die Schüler, die sich in diesem Punkt allerdings noch nicht festlegen wollten. Einige haben sich aber bereits für den Leis-tungskurs Geschichte in der Oberstufe entschieden. An dem Thema wollen sie weiterarbeiten, was vor allem auch Bürgermeister Helge Zychlinski freut. Dass sie durch die Unterstützung der Profi-Historiker und der Gedenkstätte Ahlem bereits wissenschaftliches Arbeiten gelernt hätten, werde ihnen dabei zugute kommen. Mit ihren Recherchen hätten sie einen Mehrwert für die Gemeinde geschaffen „Wir wissen immer noch nicht alles“, so Zychlinski, aber es sei schon vieles aufgearbeitet worden.