Schulneubau sorgt für Diskussionsstoff

Bei der zweiten Sitzung des Ortsrates Bissendorf-Wietze interessierten sich die Bürger vor allem für das Thema „alte Schule im Ort“. Foto: B. Stache

Montessorischule stellte sich dem Ortsrat Bissendorf-Wietze vor

Bissendorf-Wietze (st). Seit fünf Jahren wird das Gebäude der ehemaligen Außenstelle der Grundschule Bissendorf auf dem Waldgrundstück Am Wietzestrand 29 als private, vom Montessori Projekt Wedemark e.V. betriebene Grundschule genutzt. Die „Schule auf Entdeckungsreise“ arbeitet nach einem besonderen Konzept, dass neben dem Lehrsystem nach Montessori auch die Integration besonders begabter und benachteiligter Kinder beinhaltet.
Als einzige Einrichtung ihrer Art in der Region Hannover wird sie mittlerweile auch als staatlich anerkannte Ersatzschule vom Land Niedersachsen gefördert. Mit zwei Lerngruppen zu je rund 15 Kindern stößt das alte Schulgebäude jedoch deutlich an seine Grenzen. Die beiden Klassenräume sind gleichzeitig Durchgangsräume, was ein pädagogisches Arbeiten gemäß Schulkonzept deutlich behindert. Der einzige Aufenthaltsraum muss auch als Küche, Ess- und Hortraum fungieren, eine Abstellkammer ist derzeit das Lehrerzimmer und die gesamte Gebäudesubstanz dringend sanierungsbedürftig. Zudem gibt es keine Barrierefreiheit, was dem integrativen Konzept – ein wichtiger Baustein für den staatlichen Auftrag der
Ersatzschule – sehr enge Grenzen steckt. Aus dieser Situation heraus entstand der dringende Wunsch des Trägervereins und der Schulleitung, auf dem Gelände neu zu bauen, um die Schule zukunftsfähig zu machen. Nur so können nach Ansicht der Verantwortlichen die Kinder barrierefrei in die Schule gelangen, die Schülerzahl und Schulgebühren in wirtschaftliches Gleichgewicht mit den Kosten gebracht und ein Raumkonzept nach modernen pädagogischen Anforderungen realisiert werden. Nun liegt dem Schulträger ein großzügiges Finanzierungsangebot der Anja Fichte Stiftung, einer gemeinnützige Organisation aus der Wedemark, vor, das zum zügigen Handeln auffordert. Da die Pläne der Schule zwischenzeitlich bereits im Gemeinderat Gegenstand einer Anfrage waren, wollte der Trägerverein am Mittwoch auf den Ortsrat Bissendorf-Wietze zugehen, um sich dem neu gewählten Gremium mit seinem Konzept sowie den Argumenten für einen Neubau vorzustellen. Nachdem der Ortsrat am Mittwochabend bis in die Nacht im Landhaus Wietze öffentlich getagt hatte, war viel über den Tagesordnungspunkt sechs, Umgestaltung der Schule, gesprochen und teilweise leidenschaftlich diskutiert worden. Doch auch am Ende dieser als Informationsveranstaltung gedachten zweieinhalb Stunden dauernden Sitzung herrschte nicht nur bei den anwesenden Bürgern Unklarheit über den aktuellen Stand der Gespräche und mögliche Planungen zur Sanierung, Erweiterung oder Neubau der alten Grundschule im Ort. Einige Bürger befürchten offenbar, dass die Gemeinde für die Montessorischule möglicherweise ein Erbbaurecht zur Anwendung bringt. Damit seien Grundstück und Schule für 99 Jahre, das heißt drei Generationen, verloren, formulierte ein Bürger gewisse Ängste. Man habe grundsätzlich nichts gegen die Montessorischule, wolle das Gebäude aber nicht verlieren, um es eventuell einmal für eigene Zwecke als Kindergarten oder Dorfgemeinschaftshaus zu nutzen. Da bekannt sei, dass für die Bewohner zweier Wohnungen im alten Schulgebäude bereits alternative Wohnungen gesucht würden und es Anfragen zur zwischenzeitlichen Unterbringung der Montessori-Schüler in der alten Grundschule Scherenbostel gegeben habe, vermuten einige Bürger, dass sich die Planungen um die alte Schule und weitere Nutzung durch das Montessori Projekt bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befinden. Da der Ortsrat als neu formierte Bürgervertretung erst kürzlich seine Arbeit aufgenommen hat, fehlte hier offensichtlich auch entsprechendes Hintergrundwissen über die Schule und den aktuellen Kommunikationsstand mit der Gemeinde als Eigentümerin der Immobilie. Ortsbürgermeister Daniel Leide hatte der Schulleitung der Montessorischule während der Ortsratssitzung Gelegenheit gegeben, die Ortsratsmitglieder und Bürger über die Inhalte und Ziele der „Schule auf Entdeckungsreise“ zu informieren.
Überlagert wurde der sachliche Diskussionsansatz jedoch von vielen zum Teil sehr emotional geführten Argumenten für eine alternative Nutzung des Gemeindeeigentums. Konkrete Antworten auf drängende Fragen der Bürger im Zusammenhang mit einem möglichen Neubau gingen den Anwesenden allerdings über die teilweise kontroverse Debatte verloren. Wie groß das Interesse an der Immobilie nicht nur bei manchen Bürgern ist, zeigten schließlich auch drei Anträge, die von Ortsratsmitgliedern unterschiedlicher politischer Couleur an diesem Abend eingebracht und überwiegend einstimmig angenommen wurden. Für die BfW (Bürger für Wietze) formulierte Bernd Schützendübel den Antrag wie folgt: „Die Verwaltung der Gemeinde Wedemark wird gebeten, das Gebäude der ehemaligen Grundschule Bissendorf-Wietze ganz oder teilweise den Bürgerinnen und Bürgern als Dorfgemeinschaftshaus beziehungsweise Dorfmittelpunkt zur Verfügung zu stellen.“
Für die SPD erklärte Florian Beier, stellvertretender Ortsbürgermeister: „Unser Antrag haut quasi in die gleiche Kerbe“, und Lydia Bock machte zunächst deutlich, dass sie persönlich, aber auch die CDU, das Vorgehen der Verwaltung sehr befremdlich finde und auch sehr unzufrieden damit sei. „Wir möchten uns dem Antrag der BfW in Teilen anschließen und insoweit erweitern, dass die Verwaltung der Gemeinde Wedemark folgende Punkte prüft: erstens die Möglichkeit der gemeinschaftlichen Nutzung eines Schulraums durch die Dorfgemeinschaft und die Montessorischule, zweitens die Möglichkeit eines späteren Anbaus eines Gemeinschaftsraumes und oder eines Kindergartens beziehungsweise
Hortraumes an die Räumlichkeiten der Montessorischule, drittens die Möglichkeit der Herauslösung einer Grundschuldpflicht von mindestens 1000 Quadratmetern für die Dorfgemeinschaft.“ Abschließend stellte die CDU den Antrag, „dass bei keiner für den Ortsrat zufriedenstellenden Lösung der gemeinschaftlichen Nutzung, die Montessorischule von diesem Bauvorhaben zurücktritt.“ Einen weiteren Antrag zur Bürgerbefragung zum Thema Montessorischule brachte BfW-Ortsratsmitglied Schützendübel zusätzlich noch ein.
Den Unmut aus der Bevölkerung bekamen auch die Erste Gemeinderätin Konstanze Beckedorf und Holger Zorn aus dem Bauamt zu spüren, die in großer Sachlichkeit die Sicht und Vorgehensweise der Verwaltung vorgetragen hatten. Beckedorf wehrte sich schließlich entschieden gegen den Zwischenruf „Hier wird nur gelogen“ eines ereiferten Bürgers.
Ortsbürgermeister Daniel Leide trat zudem Mutmaßungen entgegen, er sei in dieser Angelegenheit befangen, da er ein Kind in der Montessorischule habe, wie auch Bürgermeister Bartels. Leide erklärte zum Abschluss der Versammlung, dass man sich bei der nächsten Ortsratssitzung am 24. Januar 2012 in der Montessorischule noch einmal mit dem Thema befassen könne: „Ich denke mal wir haben dann Informationen“, so der Ortsbürgermeister.

Der Kommentar
„Über den Tellerrand blicken“
Unser Schulsystem braucht dringend neue Konzepte, dies wissen wir nicht erst seit PISA. Die Gemeinde Wedemark und ihr Ortsteil Bissendorf-Wietze können hier mit einem Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Region Hannover punkten: der Schule auf Entdeckungsreise. Leider scheinen aber einige Mandatsträger des neu geschaffenen Ortsrats in Bissendorf-Wietze dies noch nicht als wertvollen Beitrag zum Standortprofil verstanden zu haben. Sicher, ein Dorfgemeinschaftshaus leistet dies auch. Aber warum wurde bisher nie aus der Ortsgemeinschaft heraus ein solcher Bedarf geäußert? Warum wird vor allem aus dem Umfeld der BfW plötzlich laut nach Alternativen zur Nutzung der Gemeindeimmobilie gerufen? Die Antwort dürfte klar sein. Die Wählergemeinschaft wie auch der neu eingerichtete Ortsrat müssen gegenüber Bürgern und Gemeinde ihre Existenzberechtigung erst einmal beweisen. Dass in der aktuellen Diskussion manchem jedoch der Weitblick fehlt, könnte sich am Ende sogar negativ auswirken. Die verfügbaren Stiftungsgelder für das Bauvorhaben müssen zeitnah beantragt, die Gebäudesubstanz dringend saniert werden. Davon profitiert nicht nur die Schule sondern vor allem auch die Gemeinde. Diese einmalige Chance jetzt zu zerreden grenzt mindestens für die Schule schon an Fahrlässigkeit. Leider wollten sich die Wortführer Mittwoch offensichtlich gar nicht unvoreingenommen informieren, sondern einfach nur Stimmung machen. Hätten sie dies zugelassen, wäre ihnen bewusst geworden, dass die weitaus meisten Schüler der Privatschule bis heute aus der Wedemark gekommen sind, nicht wenige auch aus Bissendorf-Wietze. Und für die sicher vergleichsweise wenigen Familien in einem der reichsten Orte Niedersachsens, die sich einen Besuch ihres Kindes dort nicht leisten können, bietet die Schule sogar Stipendien an. Schade also, wenn ein so wertvolles Projekt von unbedachtem Profilstreben in seiner Existenz bedroht werden würde. Ortsratspolitik darf nicht am Ortsschild enden, das gilt auch für die frisch gebackenen Mandatsträger in Bissendorf-Wietze. Der Blick über den Tellerrand hinaus muss wohl jedenfalls von den Newcomern auf der politischen Bühne erst noch eingeübt werden.
Thorsten Schirmer