Seit 65 Jahren ein Herz und eine Seele

Bürgermeister Helge Zychlinski (von links) gratulierte Wilma und Max Steinborn zur Eisernen Hochzeit. Ebenfalls zu den Gratulanten zählte Ortsbürgermeisterin Jessica Borgas. Der Bürgermeister brachte einen Präsentkorb und Urkunden von Gemeinde, Region und Ministerpräsident Stephan Weil mit.Foto: A. Wiese

Eiserne Hochzeit beim Ehepaar Wilma und Max Steinborn in Gailhof

Gailhof (awi). Die Gratulanten gaben sich am Montag die Türklinke in die Hand: Wilma (86) und Max Steinborn (93) feierten in ihrem Haus in Gailhof das seltene Fest der Eisernen Hochzeit. 65 Jahre sind die beiden verheiratet, die im Dorf – aber auch darüber hinaus – eigentlich jeder kennt: sie als engagierte Betreuerin der Theaterkinder, die wegen Corona leider auch in diesem Herbst noch nicht wieder in Steinborn Keller für die Theateraufführung proben dürfen, ihn als früheren Vorsitzenden des Bürgervereins und Ortschronisten.„Ich kann gar nicht glauben, dass Sie nicht schon immer hier in Gailhof gelebt haben, sondern erst 1975 zugezogen sind“, staunt Pastor Thorsten Buck, der dem eisernen Jubelpaar diesmal in dessen Wohnzimmer den Segen zuspricht. Zur diamantenen Hochzeit vor fünf Jahren und zur goldenen Hochzeit erneute das Paar sein Eheversprechen noch in der Bethlehem-Kirche in Hannover-Linden, wo sie am 11. Oktober 1956 getraut wurden – gemeinsam mit Wilmas Bruder und seiner Frau. Auch dieses Paar durfte am Montag das Fest der eisernen Hochzeit zusammen begehen. Im Familienkreis wird das Eiserne Hochzeitsfest an diesem Wochenende gefeiert, denn die drei Kinder waren am Montag beruflich so eingebunden, dass sie an diesem Tag nicht nach Gailhof kommen konnten.
1975 nach Gailhof gezogen
Auf den Weg nach Hannover in ihre Traukirche verzichteten Wilma und Max Steinborn diesmal bewusst. Sie empfingen ihre Gratulanten – vom Bürgermeister über die Ortsbürgermeisterin, Vertreter von Schützenverein, Feuerwehr, Landfrauenverein, Bürgerverein, Kirche, Volkstanzgruppe und Senioren Union – diesmal in ihrem Haus hinter der ehemaligen „Kühnen Adelheid“, wo sie Anfang der siebziger Jahre den ersehnten Bauplatz ergatterten und ihr Haus nach ihren Vorstellungen bauen lassen konnten.
Mit drei Kindern war das Reihenhaus in Bothfeld zu klein geworden und mit Gailhof verband Wilma schöne Ferienaufenthalte bei ihrer Tante. Außerdem wollte die junge Familie aus der Stadt heraus und aufs Land.
„Das erste, was ich dann nach unserem Einzug beim Ortsrat beantragt habe, war eine Straßenbeleuchtung“, erzählt der 93-jährige Max Steinborn seinen interessiert lauschenden Gästen. Drei Wochen später seien die Laternen bereits installiert worden. Vom seiner Heimat im Kreis Soldin in der Neumark berichtet Max Steinborn, wo sein Vater Landwirt war und er noch ganz andere Zeiten kennengelernt habe, wo man alles mit dem Pferd machte und die Kühe mit der Hand molk. Wie er den Hof nach dem Einzug des Vaters zur Wehrmacht mit Hilfe der Mutter und eines französischen Kriegsgefangenen gemanagt hat. Von der Einberufung zum Arbeitsdienst als 17-Jähriger 1945 und dass er damals nicht habe glauben können, dass der Krieg verloren werden könnte. Seine Mutter habe ihn zu Fuß fast bis zum Bahnhof begleitet, es war das letzte Mal, dass er sie gesehen hat. „Meine Einberufung war meine Lebensrettung. Ich hätte den Tag zuhause wahrscheinlich nicht überlebt. Irgendjemand hat seine schützende Hand über mich gehalten“, berichtet Max Steinborn seinen Gästen.
Das Schicksal verschlug ihn nach Holland, wo er und seine Kameraden von den Kandadiern gefangen genommen wurden. Ein 14-tägiger Fußmarsch führte sie nach Aurich. Hier ergriff der Landwirtssohn die Chance auf Entlassung, indem er sich verpflichtete in der Landwirtschaft zu arbeiten. Drei Jahre war er Knecht auf einem Hof im Kreis Schaumburg, fand in dieser Zeit auch seinen Vater wieder, dann hörte er, dass die Polizei Leute suchte.
Mit zwei Kameraden meldete er sich, alle wurden eingestellt. „Ich bin immer gerne Polizist gewesen“, resümiert Steinborn. Er kam nach der Ausbildung zum Revier in der hannoverschen Innenstadt und holte seine Brötchen auf dem Arbeitsweg in der Bäckerei, in der Wilma Steinborn arbeitete. Es dauerte nicht allzulange, bis aus beiden ein Paar wurde. Am 11. Oktober 1956 wurde dann standesamtlich geheiratet und drei Tage später läuteten die kirchlichen Hochzeitsglocken für die beiden Brautpaare.
Enger Familienzusammenhalt
Es sei immer ein sehr enger guter Zusammenhalt in der Familie gewesen. „Wir sind gut durch die Jahre gekommen“, ist sich das eiserne Hochzeitspaar einig und wechselt einen innigen Blick.
Jahre mit Höhe und Tiefen, wie in jedem so langen Leben: Ein besonderer Tiefpunkt liegt erst vier Jahre zurück: 2017 hätten sie eines ihrer sechs Enkelkinder verloren, erzählen Wilma und Max Steinborn. Die schwerbehinderte Tina sei mit 27 Jahren einfach eines Morgens nicht wieder aufgewacht. Die Großeltern hatte eine besonders enge Bindung an diese Enkelin, die sie als Kind oft betreut haben, um ihre Tochter zu unterstützen.
65 Jahre verheirat und 33 Jahre sei er jetzt schon in Pension, die Zeit sei verflogen, meint Max Steinborn kopfschüttelnd. Als er in Pension ging, ging er auf den Wunsch der Gailhofer ein, den Vorsitz des Bürgervereins zu übernehmen. In dieser Funktion lernte er das Dorf noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennen, wurde zum Ortschronisten und pflanzte unheimlich viele Bäume. Mitglied in den örtlichen Vereinen waren seine Wilma und er schon seit ihrem Einzug ins eigene Haus in Gailhof, doch erst jetzt gehörten sie so richtig dazu. Das belegten auch die Gratulanten aller örtlichen Vereine am Montag, die dem rüstigen eisernen Hochzeitspaar alle von Herzen gratulierten. Bereits am Vortag, am Sonntag, hatte die Volkstanzgruppe, zu der mittlerweile auch Meitzer Tänzer gehören, überraschend vor der Tür gestanden und einen Kranz aus Eichenlaub an der Tür angebracht. Wie das in Gailhof so üblich ist, hatte man den Kranz zuvor gemeinsam bei Schmalzbroten auf dem Hof von Familie Göing gebunden und verzehrte dort anschließend leckere Kürbissuppe. „Diese Gemeinschaft ist es, die Gailhof ausmacht“, sind sich Wilma und Max Steinborn einig.
Der 93-jährige wurde von Pastor Thorsten Buck gefragt, ob er denn der Konfirmandengruppe demnächst noch einmal seine Erinnerungen an seine Kriegserlebnisse als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen schildern könne. „Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung“, versicherte ihm Max Steinborn. Er und seine Wilma sind übrigens mittlerweile auch vierfache Urgroßeltern: „Alles Mädchen!“