Sennheiser baut 650 Stellen ab

Ernste Gesichter bei Daniel (links) und Andreas Sennheiser, als sie am Mittwoch vor Journalisten den Stellenabbau ankündigten. Foto: A. Wiese

300 davon größtenteils am Standort Wedemark

Wennebostel (awi). Das Jahr des 75-jährigen Bestehens hatte sich der Audiospezialist Sennheiser anders vorgestellt. Es sollte gefeiert werden, nicht nur am Stammsitz in Wennebostel mit Mitarbeitern, Kunden und Freunden, auch mit Veranstaltungen in Hannover. Doch dann kam Corona, und Daniel und Andreas Sennheiser legten bei der Bilanzpressekonferenz am Mittwoch nicht nur eine nicht zufriedenstellende Bilanz für 2019 vor, sondern mussten auch einen einschneidenden Stellenabbau ankündigen. Sennheiser wird sich in den nächsten zwei Jahren von rund 650 seiner Mitarbeiter trennen – etwa 300 Arbeitsplätze in Deutschland sind davon betroffen und der allergrößte Teil davon am Standort Wedemark. Denn vor allem im Bereich Verwaltung und eigener Wertschöpfung will sich Wedemarks größter Arbeitgeber verkleinern – und damit das Überleben in der Krise sichern, wie es die beiden Sennheiser-Brüder am Mittwoch den Journalisten gegenüber forumulierten. Der Betriebskindergarten sei von den Sparmaßnahmen nicht betroffen, bestätigte Andreas Sennheiser auf Nachfrage ausdrücklich.
Die Corona-Krise habe das Familienunternehmen kalt erwischt, gab Daniel Sennheiser offen zu. In Asien sei es losgegangen und der Konzern habe sich erst einmal darauf konzentriert seine Lieferketten zu erhalten. Vorteil davon sei gewesen, dass man in Europa sehr früh mit der Aufteilung von Bereichen und getrennten Schichten begonnen habe, als andere Firmen noch gar nicht daran dachten. 1.000 Mitarbeiter wurden ins Homeoffice beordert. Jetzt zahlte sich aus, dass man in den Vorjahren bereits kräftig in die Technik investiert hatte, die dies mögilch machte. Die Belohnung dafür: Es habe am Standort in Wennebostel nicht einen einzigen Corona-Fall gegeben, betonte Pressesprecherin Mareike Oer im Vorfeld der Bilanzpressekonferenz.
Doch alle Vorsicht der Konzernverantwortlichen konnte nicht ausrichten dagegen, dass weltweit alle Live-Events in der Musik- und Sport-Branche abgesagt wurden. „Und ich bin überzeugt, dass wir das bis weit ins nächste Jahr hinein spüren werden", so Daniel Sennheiser. Die Event-Branche sei extrem hart getroffen und werde sich nicht so schnell erholen. Zwar habe die Krise auch dazu geführt, dass man viele neue Möglichkeiten entdeckt habe wie zum Beispiel das Streamen von Life-Konzerten nach dem Motto „Don't stop the music". Sennheiser habe zusammen mit seinen Kunden und Partnern gemeinsame Ressourcen genutzt und neue Formate entwickelt. Insbesondere die Web-Training würden hervorragend angenommen.Teilweise habe es 50 Training pro Monat gegeben in den zurückliegenden Wochen.
Doch all das ändere nicht daran, dass das Traditionsunternehmen die Auswirkungen der Corona-Krise massiv zu spüren bekomme. Der Absatz der Mikrofone sei stark eingebrochen, insbesondere bei den Drahtlos-Systemen. Im Home-Studio-Bereich liefen die Mikrofone hingegen sogar über Plan. Doch auch das könne den Ausfall der Life-Mikrofone nicht kompensieren, betonte Andreas Sennheiser. Das selbe gelte für den Kopfhörer-Markt. Die sinkende Nachfrage habe zu einem Umsatzrückgang in allen Bereichen gerführt – und das nachdem bereits das Ergebnis von 2019 die Erwartungen der Konzernverantwortlichen nicht erfüllt habe. So habe man bereits im März Kurzarbeit angeordnet in den Ländern, in denen das möglich gewesen sei, am Standort Wedemark etwa 40 Prozent. In denen Ländern, wo Kurzarbeit nicht möglich ist, habe man, wo immer möglich, die Kosten gesenkt und vereinzelt habe es auch Freistellungen sowie massive Einschnitte bei den Sachkosten im Umfang von rund 60 Millionen Euro gegeben, so Daniel Sennheiser am Mittwoch bei der Pressekonferenz in Wennebostel und betonte: „Dies alles sind kurzfristig wirksame Maßnahmen, die uns das Überleben sichern, doch um auch nach der Krise handlungsfähig zu sein, braucht es langfristige Maßnahmen." Man habe in 75 Jahren gute und schwierige Momente erlebt. Aus den schwierigen Zeiten sei das Unternehmen eigentlich immer gestärkt herausgekommen. Doch jetzt müsse sich Sennheiser der Herausforderung einer neuen Perspektive stellen, die durch Corona entstanden sei und sich so neu aufstellen, dass das Unternehmen mit der aktuellen Situation gut weiterarbeiten könne. Selbstverständlich werde bei dem geplanten Stellenabbau eine Lösung angestrebt, die sozialverträglich sei, betonte Andreas Sennheiser. Vor betriebsbedingten Kündigungen würden Renteneintritte, Frühverrentungen und Freiwilligenprogramme überprüft. "Das tun uns wirklich unglaublich leid", erklärte Daniel Sennheiser mehrfach und sein Bruder bekräftigte, man werden den Stellenabbau so gestalten, dass man hinterher mit gestärkten Geschäftsdivisionen dastehe. Mit der Restrukturierung wolle sich das Untenehmen gesünder und wirtschaftlicher aufstellen, auf die Bedürfnisse der Kunden ausrichten, aber auch die Identität des gewachsenen Unternehmens Sennheiser bewahren.
Wedemarks Bürgermeister Helge Zychlinski war im Vorfeld der Pressekonferenz von Daniel und Andreas Sennheiser über die geplante Maßnahme informiert worden. Seine Reaktion lautete: „Das hatten wir befürchtet, da sowohl im Consumer- als auch im Business-Bereich die Geschäfte wegen Corona weggebrochen sind. Das ist eine sehr schwierige Entscheidung sowohl für das Unternehmen als auch für die Mitarbeiter." Die Sennheiser-Brüder hätten ihm aber zugesichert, dass die Maßnahmen sehr sozialverträglich umgesetzt würden. Nichtsdestotrotz sei die Entscheidung sehr bedauerlich, aber wohl unvermeidbar, um das Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. Sennheiser sei für die Gemeinde enorm wichtig,daher werde er als Bürgermeister alle Maßnahmen unterstützen, die den Firmensitz vor Ort halten könnten,so Zychlinski.
„Der angekündigte Stellenabbau bei Sennheiser ist eine der bitteren Folgen der Coronakrise. Dennoch ist es notwendig, dass das Unternehmen frühzeitig auf die veränderte Nachfrage reagiert, um zukunftsfähig und wirtschaftlich stabil zu bleiben", so der Kommentar von Regionspräsident Hauke Jagau.
In Deutschland arbeiten derzeit 1.400 der weltweit 2.800 Sennheiser-Mitarbeiter. Konkrete Konzepte werden derzeit gemeinsam mit dem Sennheiser-Betriebsrat beraten. Unter anderem ist geplant, offene Stellen nicht nachzubesetzen und neben Möglichkeiten zur Altersteilzeit und Vorruhestand ein Freiwilligenprogramm und Abfindungsoptionen anzubieten. „Wir sind ein Familienunternehmen und jeder einzelne unserer Mitarbeiter ist Teil des Teams. Gemeinsam teilen wir die Leidenschaft für Audio. Vor diesem Hintergrund fällt uns dieser Schritt sehr schwer, und es ist uns wichtig, betriebsbedingte Kündigungen so weit wie möglich zu vermeiden und mit den Mitarbeitern individuelle Lösungen zu finden“, sagte Andreas Sennheiser.

Auswirkungen der Corona-Krise auf den Audiomarkt
Seit Beginn des Jahres 2020 stellen die weltweiten Auswirkungen der Corona-Pandemie auch Sennheiser vor große Herausforderungen. „Mit der Absage von Live-Events auf der ganzen Welt ist die gesamte Veranstaltungs- und Musikindustrie praktisch zum Stillstand gekommen und läuft nur sehr langsam wieder an. Viele Verleiher und andere Dienstleister sind in ihrer Existenz bedroht. Dies hat deutliche Auswirkungen auf den Absatz von Mikrofonen, die sich auch noch im nächsten Jahr in unserem Geschäftsverlauf bemerkbar machen werden. Einzige Ausnahme sind bislang Studiomikrofone“, beschreibt Daniel Sennheiser die Situation. Auch im Bereich Consumer Electronics sind die Auswirkungen spürbar: Der weltweite Kopfhörermarkt ist in den vergangenen Monaten um 30 bis 40 Prozent geschrumpft, insbesondere, weil der Verkauf im stationären Handel in vielen Ländern gar nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt möglich war. Im gleichen Umfang ging auch der Umsatz von Sennheiser-Kopfhörern zurück. Um die negativen Effekte abzumildern, hatte Sennheiser bereits im März Maßnahmen ergriffen und neben umfassenden Kostenreduzierungen in Deutschland Kurzarbeit eingeführt. An den ausländischen Sennheiser-Standorten wurden im gleichen Umfang Maßnahmen zur Einsparung von Lohn- und Sachkosten umgesetzt.
Die Sennheiser-Gruppe hat ihre Bilanz für das Geschäftsjahr 2019 vorgelegt: Das Familienunternehmen erzielte insgesamt einen Umsatz von 756,7 Millionen Euro; der Ertrag vor Zinsen und Steuern (EBIT) blieb mit 18,5 Millionen Euro leicht hinter dem Vorjahresergebnis zurück. Für das Geschäftsjahr 2020 erwartet der Audiospezialist hingegen einen signifikanten Umsatz- und Ertragsrückgang und kündigt den Abbau von rund 650 Stellen bis Ende 2022 an, davon etwa 300 in Deutschland. Gründe für den Rückgang sind die beschleunigte Dynamik des Kopfhörermarktes und die langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise auf das Consumer- und Professional-Geschäft.
„Mit dem Ergebnis für 2019 schauen wir auf ein durchwachsenes Geschäftsjahr zurück. Zudem stellen uns massive Veränderungen im Consumer-Markt sowie die sinkende Nachfrage an Audioprodukten aufgrund der Corona-Krise in diesem Jahr vor große Herausforderungen. Um das Unternehmen für eine erfolgreiche Zukunft aufzustellen, werden wir unsere Organisationsstruktur an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen und auf die neuen Anforderungen ausrichten“, sagt Daniel Sennheiser, Co-CEO. „Wir werden an unseren Kernkompetenzen festhalten und die beiden Divisionen Consumer und Professional weiter stärken. Hierfür erhöhen wir die Eigenständigkeit der Divisionen und übertragen die operative Verantwortung vollständig an diese beiden Geschäftsbereiche. Sennheiser steht seit seiner Gründung vor 75 Jahren für exzellente Klangqualität und außergewöhnliche Audioerlebnisse – dafür werden wir auch in Zukunft stehen“, ergänzt Andreas Sennheiser.
Der Bereich Professional erzielte im Geschäftsjahr 2019 mit 363,3 Millionen Euro Umsatz ein Wachstum von 9,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wachstumstreiber waren insbesondere die Produktkategorien Live Musik, Studio Recording und Business Communication. Die Consumer Division erwirtschaftete einen Umsatz von 393,4 Millionen Euro. Damit stieg der Umsatz zwar um 4,1% Prozent beziehungsweise 15,4 Millionen Euro, blieb aber deutlich hinter dem Wachstum des Kopfhörermarkts insgesamt zurück. Trotz erfolgreicher Markteinführung neuer Kopfhörermodelle im Premium-Segment machte sich die Beschleunigung der Marktdynamik und der zunehmende Wettbewerb im Kopfhörermarkt negativ bemerkbar.
In der weltweiten Betrachtung der Märkte war EMEA im Jahr 2019 mit 382,7 Millionen Euro weiterhin die Region mit dem größten Umsatz. Dies entspricht einer Umsatzsteigerung um 6,4 Prozent beziehungsweise 22,9 Millionen Euro. Im Heimatmarkt Deutschland konnte Sennheiser um 1,8 Prozent beziehungsweise 1,9 Millionen Euro zulegen und erzielte 103,1 Millionen Euro Umsatz. Die Region APAC verzeichnete mit 10,6 Prozent Steigerung das größte prozentuale Wachstum. Insgesamt belief sich der Umsatz hier auf 175,3 Millionen Euro. Das sind 16,8 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Wachstumstreiber waren insbesondere die Märkte China, Japan und Südkorea. In der Region Americas stieg der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 6,3 Millionen Euro beziehungsweise 3,3 Prozent auf 198,7 Millionen Euro.
„Um für unsere Kunden innovative Audio-Erlebnisse zu schaffen und die Zukunft der Audiobranche zu gestalten, investieren wir fortlaufend in unsere Entwicklungsaktivitäten“, erklärt Dr. Andreas Sennheiser. So erhöhten sich die Investitionen der Sennheiser-Gruppe 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 4,1 Prozent auf 63 Millionen Euro, was 8,3 Prozent des Umsatzes entspricht. „Auch in den kommenden Jahren werden wir weiter im Bereich Entwicklung investieren. Dabei werden wir wie bereits in der Vergangenheit eng mit unseren Kunden und Partnern zusammenarbeiten.“ Wichtiger strategischer Bestandteil der Consumer und Professional Divisionen bleibt dabei Sennheisers Technologieprogramm AMBEO.