Verbraucher will regionale Produkte

Ein abwechslungsreich besetzes Podium mit Fleischermeister Carsten Dettmers (von links), Landwirtin Christine Heins, Moderator Peter Wogenstein, Claudia Schwegmann von Parents for Future und Lokal- und Regionspolitiker Walter Zychlinski. Foto: A. Wiese

Podiumsdiskussion: „Aber ist er auch bereit, den Preis dafür zu zahlen?“

Wedemark (awi). Am Ende seien mehr Fragen stehen geblieben als Antworten gegeben worden sein, resümierte Moderator Peter Wogenstein nach eineinhalbstündiger Podiumsdiskussion mit Publikumsfragestunde auf Einladung von Parents for future. Doch Wogenstein forderte die knapp 70 Menschen im Publikum auf: „Fragen Sie weiter, vertiefen Sie das. Veränderung kann nicht plötzlich geschehen. Die Landwirtschaft der Nachkriegszeit hat diese Kultur geschaffen. Es wird dauern, bis man eine andere Form findet.“Nachhaltige Landwirtschaft und gesundes Essen aus der Region? Was können wir in der Wedemark tun, um uns nachhaltig und gesund zu ernähren? So lauteten die Eingangsfragen, ergänzt durch den Appell: Wir reden nicht über europäische Agrarpolitik oder die des Bundes oder des Landes. Wir konzentrieren uns auf die Region! Verbraucher träfen jeden Tag Entscheidungen. Daher lag am Mittwochabend der Fokus auf der Wedemark und was deren Einwohner tun können, als Erzeuger, Politiker und Verbraucher.
Auf dem Podium: Landwirtin Christine Heins, sie hat erst Lehramt, dann Agrarwissenschaften studiert, will den elterlichen Betrieb in Negenborn mit 50 Hektar Getreide und Raps im konventioneller Anbau im Nebenerwerb übernehmen.
Claudia Schwegmann, Vertreterin von Parents for Future, hat katholische Theologie und Politikwissenschaft studiert und war lange Projektmanagerin im Deutschen Entwickklungsdienst in Kamerun. Fleischermeister Carsten Dettmers aus Elze steht für das verarbeitende Handwerk und ist Garant für die Qualität seiner Produkte, die er nach traditionellen Familienrezepten erzeugt. Walter Zychlinski, Mitglied der Regionsversammlung, des Gemeinderates und des Ortsrates, 30 Jahre lang Lehrer und Schulleiter mit den Fächern Biologie, Sport, Deutsch. Er hat 2017 die Hof-zu-Hof-Karte der Region mitangeschoben. Sein Motto: Wer nicht mehr will, als er kann, bleibt immer unter seinen Möglichkeiten.
Claudia Schwegmann ist geprägt von einer Kindheit auf einem 80-Hektar-Hof in Südoldenburg mit Schweinemast und Rinderaufzucht. Die finanzielle Sorge um den Betrieb hat sie ständig begleitet, letztendlich wurde der Hof verkauft. Heute engagiert sie sich zum Thema Klimawandel und wie die Klimakrise in den Griff zu kriegen ist. Sie macht sich große Sorgen, wie man Umweltund Klima besser schützen kann. Sie wünscht sich eine Landwirtschaft, die positiv zu Ökologie und Gesundheit beiträgt, in der die positiven Beiträge im Vordergrund stehen und dass sie als Verbraucherin vertrauensvoll einkaufen kann und gut informiert wird.
Walter Zychlinski wünscht sich mehr Direktvermarktungskultur und ein regionales nachhaltiges Ernährungssystem bis hinein in die Filialisten vor Ort. Er möchte Vernetzungen schaffen zwischen Direktvermarktern und Dorfläden und würde sich freuen, wenn die Direktvermarkter die Kitas und Schulmensen mit ihren Produkten beliefern würden. Hier werde ständig neu ausgeschrieben, immer gebe es Unzufriedenheiten.
Christine Heins hat sich den Strukturwandel in der Landwirtschaft vor Ort angeschaut: Es gibt 40 Prozent weniger Betriebe als noch vor 20 Jahren. Die, die noch da sind, werden immer größer. Kleinere finden jedoch Nischen in der Direktvermarktung. „Wir wirtschaften auf Sandböden“, gibt Heins zu bedenken: „Wir können nicht alles anbauen. 100 Prozent regional geht hier in der Wedemark nicht. Auch passt Direktvermarktung nicht zu jedem Betrieb. Die Zusammenarbeit unter den Landwirten ist auch nicht so einfach. Das geht nicht von heute auf morgen. Und die Verbraucher müssen auch bereit sein, das zu bezahlen.“ Kantinen und Schulmensen vor Ort mit regionalen Produkten zu beliefern sei ein interessanter Testballon für die Frage, ob die Menschen in der Wedemark bereit seien, mehr Geld für Produkte aus der Region auszugeben.
Fleischermeister Carsten Dettmers unterstreicht, was Christine Heins gesagt hat: „Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Als ich Kind war, gab es in Elze noch 13 bis 14 Vollerwerbsbetriebe, heute sind es drei. Das muss sich rechnen. Wenn die Höfe zu klein sind, geht es nicht mehr. Bei mir ist das genaus. Man stellt sich auf, hat eine Idee und die muss man verfolgen. Seit zehn Jahren gibt es in der Landschlachterei Dettmers keinen Zukauf mehr von Zulieferern. Pro Jahr werden 650 Schweine geschlachtet, wöchentlich ein Großtier, auch Schafe. Von fünf selbstschlachtetenden Betrieben im Altkreis Burgdorf sind drei in der Wedemark, gibt der Innungsmeister zu bedenken. Er befürchtet: „Wenn ich und meine Berufskollegen im Rentenalter sind, wird es keine Schlachter mehr geben hier. Meine Kunden kommen bewusst, geben mehr dafür aus, was sie bei uns auch müssen. Ich habe 20 Mitarbeiter, von denen Familien abhängen. Alle zwei Monate ruft mich ein Supermarkt an, ob ich ihn beliefern will. Nein, will ich nicht. Ich will meinen Kunden gute Qualität zu fairen Preisen anbieten, den Landwirten faire Preise zahlen und den Gewinn selber einstreichen, klein genug ist die Marge.“ Früher hätten die Landwirte geliefert und er die Rechnung geschrieben, mittlerweile schrieben die Landwirte die Rechnung und er zahle den Preis, den sie ausrechneten. Demnächst werde er nur noch Strohschweine schlachten und verarbeite. So seien zwar die Investitionen höher und sein Gewinn kleiner, aber es sei vom Verbraucher gewollt.
Eine ganze Weile drehte sich die Diskussion dann um eine Reduzierung des Fleischkonsums. Dettmers Meinung dazu: „Das ist so. Wenn der Verbraucher sagt, er möchte weniger Fleisch essen, dafür aber von besserer Qualität, ist uns allen damit geholfen. Aber er soll bitte das Fleisch bei mir und meinen Kollegen kaufen.“ Auch Christine Heins muss verlässlich wissen, welchen Preis sie für ihr Getreide kriegt und ob es eine Verarbeitungsschiene dafür gibt.Sie könne ihre Produkte nicht durch halb Deutschland karren.
Walter Zychlinski kündigte an, es gebe verschiedene Konzepte der Region, wenn man den Umschwung wagen wolle, dazu Unterstützungsmaßnahmen vom Bund und vom Welternährungsrat. Wichtig sei die kompetente Beratung der Betriebe, in welche Richtung sie sich entwickeln sollten. Was Fleischermeister Dettmers gesagt habe, gelte auch für die Landwirte: Man muss Bock darauf haben, nachhaltig zu sein und anders zu produzieren, so Zychlinski. Für die Kleineren sei das die Chance, sich zu spezialisieren.
Und man brauche besonders engagierte Kunden. Die gebe es aber in der Wedemark. Bei den Direktvermarktern dächten über 70 Prozent darüber nach, ihr Geschäftsfeld auszuweiten. Christine Heins betonte, es müssten Anreize geschaffen werden für die Landwirte und die Politik müsse darauf einwirken, dass man nicht jahrelang auf Genehmigungen warten muss.