Viele Eindrücke bei „Ostober-Woche“

Regina Dörre bereitete am Mittwochabend „Jägerschnitzel“ á la DDR im MGH zu: panierte Jagdwurstscheiben. Foto: A. Wiese
 
Ortsbürgermeisterin Jessica Borgas (Mitte) moderierte das Zeitzeugengespräch mit den ehemaligen DDR-Bürgern Josephine Keßling und Tim Gerber, die noch vor der Wende ausreisen „durften“. Foto: A. Wiese

Veranstaltungsreihe zu „30 Jahre Deutsche Einheit“ in der Wedemark

Wedemark (awi). Zum 30. Geburtstag der Deutschen Einheit hatte ein Projektteam aus der Gemeindeverwaltung eine eigene Veranstaltungswoche unter der Überschrift „Ostober“ auf die Beine gestellt. Damit alles coronakonform ablief, war die Teilnehmerplätze beschränkt, aber Angebot und Nachfrage hielten sich gut die Waage. Zwei Veranstaltungen kamen mangels Anmeldungen im Vorfeld leider gar nicht zustande: ein Filmabend für Feuerwehrkameraden am Dienstag und Zeitzeugenberichte von Wedemärkern, die für den heutigen Abend geplant waren. Doch unterm Strich war es eine mit vielen bedrückenden Details gespickte und dadurch um so eindrucksvollere Veranstaltungsreihe, bei der sich die Teilnehmer der verschiedenen Puzzlesteine ein Bild von dem Druck machen konnten, der in der ehemaligen DDR geherrscht hat.
Wie man lebt, drückt sich bekanntlich auch in der Lebensart und damit über das Essen aus. Um dies zu verdeutlichen hatte das Team der Freiwilligenagentur beispielsweise am Mittwochabend zu einem typischen DDR-Gericht ins MGH eingeladen: Regina Dörre, die vor sieben Jahren von ihrem Sohn aus der Egelner Mulde bei Magdeburg in die Wedemark geholt wurde, briet „Jägerschnitzel“: Wer jetzt allerdings Schweineschnitzel aus der Oberschale mit Champignonsauce erwartet hatte, wurde enttäuscht. Vielmehr wendete Regina Dörre fingerdicke Jagdwurstscheiben in Ei und Paniermehl und briet sie in viel Butter. Dazu gab es rote Beete und Tomatensauce und Kartoffelpürree. „Echte Schnitzel waren bei uns in der DDR sogenannte Bückware, die gab es nur unter dem Ladentisch“, berichtete Dörre, die mit ihrer Aktion zugleich die neue Küche im MGH offiziell einweihte, den Teilnehmern des Mahls an schön mit Goldrandgeschirr gedeckten Tisch.
Wie es schmeckte, wenn DDR-Bürger Reste in einer Soljanka verwerteten, die es in der DDR in den verschiedensten Variationen gab, davon konnten sich Landmarktbesucher dann am Donnerstag überzeugen. Die Landschlachterei Dettmers hatte einen großen Kessel Soljanka gekocht, die Helga Müller und Christiane Falk vom Spendencafé Einzigartig portionsweise verkauften.
38 Personen machten sich am Montag auf den Weg nach Berlin, um bei der Tagesfahrt mit dem Busunternehmen von Diana Janisch unter anderem den Grenzübergang Marienborn, das Stasigefängnis Hohenschönhausen und die Stasizentrale Normannenstraße zu besichtigen. Außerdem gab es eine Stadtrundfahrt durch das ehemaligen Ostberlin und einen Besuch der Eastzeit-Galerie mit Besichtigung der restlichen zwei Kilometer Mauer. ZumAbschluss ging es ins Restaurant „Volkskammer“ im typischenOststil mit ebenso typischemEssen: Falscher Hase mit Sättigungsbeilage und Kalter Hund als Dessert.
Zur Auftaktveranstaltung am Tag der Deutschen Einheit selbst, die mit der Eröffnung der Ausstellung im Foyer des Bürgerhauses einherging, begrüßten Moderatorin Jessica Borgas und Bürgermeister Helge Zychlinski neben interessierten Zuschauern die Zeitzeugen Josephine Keßling und Tim Gerber. Beide konnten noch vor der Wende aus der DDR ausreisen, nachdem sie mehrfach entsprechende Anträge gestellt hatten. Das Kuriose: Tim Gerber hatte seinen Ausreiseantrag gerade zurückgezogen, als er 1986 genötigt wurde, „als störendes Element“ die DDR zu verlassen. Beide Zeitzeugen haben ihre Erlebnisse in Büchern verarbeitet, die bei Bücher am Markt in Bissendorf erhältlich sind. Auf ihre Erlebnisse und Berichte wird das ECHO in seiner nächsten Ausgabe noch einmal ausführlich eingehen. Bürgermeister Helge Zychlinski bedankte sich ausdrücklich bei beiden für ihre Bereitschaft „aus ihrem bewegten Leben zu berichten“. Der 3. Oktober sei der Moment, wo sich „ein geeintes Deutschland zur Freiheit bekannt hat“. Es erfülle ihn mit „Ärger und Wut“, so Zychlinski, dass das große Ereignis der Wiedervereinigung von Einzelnen heute mit großer Relativierung betrachtet werde.Unterm Strich bleibe die gelungene Tatsache, „dass wir in einem geeinigten Deutschland in Frieden undFreiheit leben können!“