Vom Auerochsen zur Hochleistungskuh

Die schwarzbunte Holsteiner Kuh legte den Grundstück für das Milchvieh, das auch heute noch in der Wedemark auf zehn Betrieben gehalten wird.
 
Der Auerochse ist der Urahn der heutigen Milchviehrassen.

Historische Arbeitsgemeinschaft pausiert erst einmal

Wedemark. Mittlerweile sind alle Termine der Historischen Arbeitsgemeinschaft Wedemark bis September gecancelt. Doch zum letzten Vortrag unmittelbar vor den Corona-Einschränkungen konnte der Leiter der AG, Dr. Rüttgardt,etwa 40 interessierte Zuhörer begrüßen. Diesmal ging es um die Entwicklung des Auerochsen zur Hochleistungskuh. Eckhard Martens aus Negenborn und Heinz-Werner Reichenbach aus Elze hatten das Thema vorbereitet und Reichenbach hatte es in Gestalt einer Power-Point-Präsentation vorgetragen. In der Wedemark gewonnene Kennzahlen wurden mit überregionalen in Beziehung gesetzt. Für Fragen an die heutige Praxis der Milchviehhaltung stand Louisa Backhaus aus Plumhof Rede und Antwort.
Hier der Überblich, aufgezeichnet von Eckhard Martens und Heinz-Werner Reichenbach: Rund 8.500 Jahre ist es her, dass der in Südosteuropa beheimatete Auerochse (Ur) domestiziert wurde. Nach und nach verbreiteten sich die Tiere über Europa. Bis um 1800 reichte die Milchleistung der Tiere gerade, um jährlich ein Kalb aufzuziehen und noch etwas Milch für den Haushalt der Familie des Halters übrig zu haben. Das Fleischwachstum als zweite Nutzung der Kühe wär kärglich. Auf kleineren landwirtschaftlichen Betrieben, für die sich ein Pferd nicht lohnte, wurden Rinder als dritte Nutzung auch vor den Pflug gespannt. Die vierte Nutzung wird oft übersehen: Rindvieh produzierte Dung – damals neben Mergel der einzige verfügbare Dünger für den Acker. Wer viele Rinder hielt, konnte so den Grundstein für gute Ackererträge legen.
Auf den kargen Heideböden, und so auch in der Wedemark, herrschte einst die spitzrückige, schmalbrüstige Landrasse vor mit einem Gewicht von 200 bis 400 kg. Als die Landwirtschaft im Zuge der Agrarreformen ab Mitte des 19. Jahrhunderts an Dynamik gewann, wurden großrahmige schwarzbunte Rassen eingekreuzt, mit denen deutlich spürbare Leistungssteigerungen einhergingen. Nachdem die durchschnittliche Milchleistung um 1850 noch bei jährlich rund 500 Litern lag, hatte sie sich bis 1900 auf über 2.000 Liter mehr als vervierfacht. Bis 1950 stieg sie durch zwei Weltkriege gebremst insgesamt eher mäßig bis 2.500 Liter an. Bis zum Jahr 2000 hat sie sich auf 6.000 Liter mehr als verdoppelt und bis 2018 nochmals um ein Drittel auf 8.000 Liter erhöht.
Spitzenbetriebe erreichen heute im Herdendurchschnitt gut und gern 12.000 Liter. Im Kontrollverein Rodewald glänzte der Betrieb Backhaus aus Plumhof 2016 mit damals 198 Kühen bei 327 Melktagen mit einer Durchschnittsleistung von 11.806 kg je Kuh bei 3,79 Prozent Fett und 3,39 Prozent Eiweiß. Einzeltiere geben auch deutlich Heinz-Werner Reichenbach von seinen Reisen nach Kuba berichten, dass die dort auf den Namen Ubre Blanca (Weißes Euter) hörende Kuh schon um 1980 eine jährliche Milchleistung von 25.000 Litern erzielt hat.
Die Leistungssteigerungen haben verschiedene Ursachen. An erster Stelle ist die Züchtung zu nennen. Im norddeutschen Raum hat heute die Holstein-Frisian-Zucht mit großrahmigen schwarzbunten Tieren eine hohe Bedeutung. Nachdem Aussiedler aus Holstein und Friesland im 17. Jahrhundert einheimische Rassen in ihre neue Heimat Nordamerika mitgenommen und dort weitergezüchtet hatten, gelangte diese Züchtung in den 1960er Jahren über den Umweg Kanada wieder zurück nach Deutschland. Neben der Züchtung spielt die Forschung und die verbesserte tierärztliche Betreuung eine große Rolle und daneben die optimierte Fütterung, die Spezialisierung vom Mehrnutzungsrind zur reinen Milchkuh und insbesondere auch die im Laufe der Zeit stark verbesserten Haltungsbedingungen. Nachdem die Kühe bis in die 1970er Jahre in oft niedrigen dunklen muffigen Anbindeställen gehalten wurden, sind es heutzutage moderne geräumige licht- und luftdurchflutete Boxenlaufställe, in denen zusätzlicher Komfort geboten wird – beispielsweise in Gestalt von rotierenden Bürsten, die die Kühe aufsuchen können, wann immer sie mögen.
Nachdem bis Mitte der 1930er Jahre die Privatmolkereien in Bissendorf, Elze und Mellendorf die Milch der Wedemärker Betriebe verarbeitet hatten, haben 750 Bauern aus der Wedemark und Fuhrberg 1934 eine Molkereigenossenschaft gegründet und in Mellendorf eine ganz neue Molkerei gebaut – dort, wo sich heute der Parkplatz von Lidl befindet. Sie nahm 1936 ihren Betrieb auf. Kleinere Betriebe hatten damals oft nur eine Kuh. Die Verarbeitungsmenge der Molkerei betrug mit täglich etwa 20.000 Litern etwa so viel, wie heute der Betrieb Backhaus aus Plumhof mit 600 Kühen allein liefert.
Mitte der 1970er Jahre wurde die Milchverarbeitung in Mellendorf eingestellt. Mittlerweile ist die Zahl der in der Wedemark Milchvieh haltenden Betriebe auf nur noch zehn zurückgegangen. Damit hat nur jeder 75. Betrieb von denen überlebt, die 1936 in der Wedemark Milch erzeugt haben. Diese Entwicklung deckt sich mit derjenigen, wie sie auch sonst in Deutschland gewesen ist. Allein von 2000 bis 2015 hat sich hier die Anzahl der Milchviehhalter auf rund 75.000 vermindert. Und diese Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen – auch nicht in der Wedemark. Der Strukturwandel geht weiter – nicht zuletzt wegen hoher Auflagen und einer ausufernden Bürokratie. Beides können kleinere Milcherzeuger nicht mehr leisten.
Auch wenn sich viele Deutsche eine kuschelige Bullerbü-Landwirtschaft wünschen, müssen sich die Milchbauern doch dem harten Wettbewerb des Marktes unterordnen. Der fordert gleichmäßige Mengen bei besten Qualitäten und günstigen Preisen. Mithalten können da nur die Milcherzeuger, die innovativ sind und bei betriebswirtschaftlicher Denkweise effizient standardisierte Ware liefern können. Massentierhaltung hin oder her – bei größeren Beständen sinken die Investitionskosten pro Kuhplatz, die Arbeitsproduktivität wächst und die Haltungs- sowie Arbeitsbedingungen können dem aktuellen Stand der Technik angepasst werden. Nur Kühe, die sich wohlfühlen, bringen auch gute Leistungen. Und ganz gleich, ob eine Kuh viel oder wenig Milch gibt, ist der Investitionsbedarf für einen Kuhplatz der gleiche. Somit ist der im Vorteil, der leistungsfähige Kühe hält. Bei insgesamt stagnierenden Absatzmengen und ansteigenden Leistungen der Einzeltiere nimmt die Zahl der in Deutschland gehaltenen Kühe permanent ab. Das wiederum schont auch unser Klima. Betriebe mit unter 100 Kühen werden immer weniger, während die Anzahl derjenigen, die mehr halten, zunimmt. In Niedersachsen hat sich die Anzahl der Betriebe mit über 100 Kühen innerhalb der letzten zehn Jahren auf mittlerweile über 600 annähernd verdoppelt.
In Russland wurden in den letzten Jahren (übrigens im Wesentlichen von einem Deutschen) standardisierte Kuhställe mit jeweils 2.000 Kühen errichtet. Zukünftig werden dort Einheiten mit jeweils 6.000 Kühen angestrebt. Solche Größenordnungen kennt man in Deutschland nur in den neuen Bundesländern. Gemolken werden größere Kuhherden mit Fischgräten- oder Side-by-Side-Melkständen, während bei den ganz großen eher Melkkarusselle vorherrschen. Ein solches gibt es aber auch schon viele Jahre in der Wedemark beim Milch-Hof Hemme in Sprockhof. Entscheidend ist, dass die Melker heute in aufrechter Haltung arbeiten können und nicht, wie bis in die 1970er Jahre oder noch länger, in gebückter Haltung melken müssen. Bis in den 1950er Jahren Melkmaschinen aufkamen, geschah das noch per Hand – meist war das die Aufgabe der Frauen. Nicht in der Wedemark, aber doch zunehmend werden auf Milchviehbetrieben heute auch vollautomatisch arbeitende Melkroboter eingesetzt. Ein solches Gerät kann rund 60 Kühe zwei- oder dreimal täglich melken.
Alles in allem war auch diese Veranstaltung der Historischen AG wieder höchst informativ. Nach bewährter Praxis wurde sie durch eine Fragestunde abgerundet. Das nächste landwirtschaftliche Thema ist in Vorbereitung. Dann wird es heißen: Die einstige Vielfalt der hiesigen Feldfrüchte. Vorher wird aber noch, weil der Mai- und auch der Septembertermin der AG coronabedingt ausfallen, im November 2020 über Flugzeugabstürze in der Wedemark während des Zweiten Weltkrieges referiert. Der Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben. Wer sich für die Themen der AG interessiert, kann sich gern auf ihrer im Aufbau befindlichen Homepage: www.historische-arbeitsgemeinschaft-wedemark.de umsehen.