Vom Bootsflüchtling zum DLRG-Retter

Bosch (links) und Fouad Selo aus dem Irak haben nicht nur mittlerweile selbst großen Spaß am Schwimmen, sondern sie sind auch bei der DLRG aktiv, haben ihr silbernes Rettungsschwimmerabzeichen und wollen anderen mit ihrem Einsatz helfen. Angefangen hat alles mit einem vhs-Schwimmkurs.Foto: A. Wiese
 
Die Brüder aus Scherenbostel verbringen viel Zeit im Spaßbad, zusätzlich zu ihrem Training bei der DLRG, und haben auch dabei immer einen wachsamen Blick auf die anderen Badegäste. „Das geht einem ganz schnell in Fleisch und Blut über“, versichern Bosch (links) und Fouad. Foto: A. Wiese

Die Brüder Fouad und Bosch Selo lernten erst vor zwei Jahren schwimmen

Wedemark (awi). Fast täglich machen Badeunfälle bei diesem Wetter zurzeit Schlagzeilen, viele tragischerweise auch hier in der Region mit tödlichem Ausgang. Dabei fällt auf, dass es nicht nur Kinder, sondern immer wieder auch junge Erwachsene gibt, die nicht schwimmen können.
Als der heute 16-jährige Fouad und sein ein Jahr jüngerer Bruder Bosch vor drei Jahren mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland kamen, konnten auch sie nicht schwimmen. 2016 vermittelte die Wedemärkerin Martina Paulmann beide zum Mikroprojekt „Schwimmen für jugendliche Migraten“ von vhs und Region Hannover. Heute sind beide in der DLRG-Ortsgruppe Wedemark aktiv, haben ihr silbernes Rettungsschwimmerabzeichen und helfen anderen. Fouad, der schon 16 Jahre alt ist, darf bereits aktiv Badeaufsicht am Steinhuder Meer machen, sein Bruder wartet ungeduldig, dass auch er 16 ist und eigenverantwortlich mitmachen darf. „Schwimmen können ist ein Muss“, sagen beide sehr ernst. Sie und ihre Geschwister konnten nicht schwimmen, als sie mit ihren Eltern als Bootsflüchtlinge von der Türkei auf eine griechische Insel gebracht wurden. Bei der Familie Selo ging alles gut, doch sie wissen, dass viele ihrer Leidensgenossen auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken sind. „Schwimmen war bei uns zuhause nicht wichtig. Wir lebten im Irak in den Bergen, hatten kaum Gelegenheit zum Schwimmen“, berichten Bosch und Fouad beim Ortstermin im Spaßbad im Gespräch mit vhs-Geschäftsstellenleiterin Liane Kebreau und Lisa Hartmann vom Schwimmprojekt für jugendliche Migranten, die gerade wieder erfolgreich einen Kursus abgeschlossen haben. Die Mikroprojekte werden von der Region Hannover finanziert und von der vhs Hannover-Land in Zusammenarbeit mit dem Spaßbad Wedemark durchgeführt. Der Schwimmunterricht wird zwei Wochen lang täglich von Montag bis Freitag von einer erfahrenen Schwimmlehrerin erteilt.
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Ergänzend werden den jungen Migranten Bade-, Hygiene- und Benimmregeln in öffentlichen Bädern vermittelt – bei Bedarf auch in der jeweiligen Muttersprache. Die Koordination vor Ort übernimmt seit mehreren Jahren Lisa Hartmann. Die muttersprachliche Vermittlung erfolgt durch Mentoren des MIT-Projekts in den Sprachen Arabisch, Farsi, Kurdisch und Türkisch. Von 2016 bis 2018 gab es pro Freibadsaison jeweils zwei Kurse mit 16 Teilnehmern im Jahr 2016, 17 Teilnehmern in 2017 und 14 Teilnehmern in diesem Jahr. Die Bissendorfer vhs-Geschäftsstellenleiterin Liane Kebreau initiierte die Schwimmkurse, weil sie mitbekommen hatte, dass so viele junge Migranten nicht schwimmen konnten und beim Baden ertranken. Bosch und Fouad Selo kamen 2015 mit ihrer Familie und weiteren sieben Geschwistern aus dem Irak nach Deutschland: Die Jesiden-Familie war religiöser Verfolgung ausgesetzt, ließ Haus und Lebensmittelgeschäfte zurück und floh im August 2014 gemeinsam mit ihren Nachbarn – insgesamt 14 Personen – über Syrien und Kur-
distan in die Türkei. Von Izmir aus wurden sie mit einem Boot nach Griechenland gebracht, schlugen sich von dort nach Deutschland durch. Dies war ihr Ziel, da hier bereits Verwandte lebten, die ihnen versichert hatten, dass sie hier sicher leben könnten. Im Herbst 2015 kam die Familie in die Wedemark, wo sie heute noch in Scherenbostel lebt. Die älteren Brüder sind bereits ausgezogen, stehen auf eigenen Füßen. Bosch und Fouad kamen in die Sprachlernklasse und besuchen mittlerweile das Gymnasium Mellendorf, wo sie mit Feuereifer bei der Sache sind. Beide wollen unbedingt Abitur machen. Fouad möchte mit Tieren arbeiten, vielleicht Tiermedizin studieren, sein Bruder Bosch liebäugelt mit einem Maschinenbaustudium. Die deutsche Sprache beherrschen beide mittlerweile sehr gut. Der enge Kontakt zu Gleichaltrigen in der Schule und im Freizeitbereich, den sie von Anfang an gesucht haben, hat ihnen dabei sehr geholfen. „Meine Freunde haben gefragt, ob sie mich korrigieren dürfen, wenn ich in der Grammatik etwas falsch mache oder ein Wort nicht richtig ausspreche. Na klar, habe ich gesagt, ich will es ja richtig lernen“, sagt Fouad. Er hatte den Schwimmkurs 2016 zuerst bekommen und seinem jüngeren Bruder begeistert davon erzählt. Der wollte unbedingt auch schwimmen lernen, fuhr auf eigene Faust ins Spaßbad und fragte sich durch. Tatsächlich fand noch ein weiterer Kursus statt, an dem er teilnehmen konnte. Bei diesem Besuch im Spaßbad war er auf die DLRG getroffen und hatte gefragt, ob er dort parallel zu seinem Schwimmkurs schon mitmachen dürfte. Er durfte und Fouad ebenso. Beide absolvierten hochmotiviert und mit Begeisterung das Training. Nach dem silbernen Rettungsschwimmerabzeichen ist das goldene ihr nächstes Ziel. Dabei waren die Anforderungen für das silberne schon hoch: Mit Kleidung zehn Bahnen schwimmen, 25 Meter Streckentauchen, zwei fünf Kilogramm schwere Ringe aus drei bis fünf Metern Tiefe heraufholen, eine Persone schleppen und ziehen und Befreiungsgriffe anwenden, wenn ein Ertrinkender in Panik klammert.
„Schon bei unseren ersten Schwimmstunden haben wir uns im Wasser sicher gefühlt und das hat sich bei der DLRG noch einmal verstärkt“, versichern beide Brüder, die bei der DLRG mittlerweile selbst in der Ausbildung des Nachwuchses involviert sind, und – zumindest Fouad – bereits bei den Wachdiensten am Steinhuder Meer im Einsatz sind. Ihr Engagement in der DLRG, wo sie sich an allen Aktivitäten beteiligen, habe ihre Integration noch einmal beschleunigt, sind beide überzeugt und betonen: „Die Leute hier in der Wedemark sind sehr, sehr gut zu Fremden“.
Mit ihrem ehrenamtlichen Engagement wollen die Brüder auch etwas von der freundlichen Aufnahme, die sie hier erfahren haben, zurückgeben. Das Schwimmen ist für sie mehr als nur Sport. Dass Schwimmen können in ihrer Heimat keine Bedeutung hatte, können sie heute nicht mehr verstehen, werben auch in der Schule mit Leidenschaft für ihr Hobby, das Rettungsschwimmen. „Einen Mitschüler von mir, der bisher nur Leistungsschwimmen macht, habe ich schon so gut wie überzeugt“, schmunzelt Bosch.