Von Gott ins Township geschickt

Morgendlicher Sing- und Tanzkreis im kleinen Kindergarten. Fotos: Lena Sophie Darnedde
 
Milena Hensel (rechts) bei ihrem Freiwlligendienst bei einer Masken-Bastelaktion im Kraaines mit den zwei bis dreijährigen Kindern und einer Kollegin.

Traum vom Freiwilligendienst in Südafrika erfüllt – und dann kam Corona

Hallo oder Dumela, wie man auf Tswana jetzt sagen würde. Ich bin Milena, 19 Jahre alt und wohne in Brelingen. Schon seit vielen Jahren war es mein größter Wunsch, nach meinem Schulabschluss ins Ausland zu gehen, mal auf mich gestellt zu sein und viele neue Leute kennenzulernen. Wichtig für mich war außerdem, in eine komplett neue Kultur eintauchen zu können und auch neue Sprachen kennenzulernen. Nach kurzen Überlegungen und Recherchen stieß ich auf Südafrika und entschied mich auch sofort dafür, weil ich schon von mehreren Leuten gehört hatte, wie abwechslungsreich dieses Land sein soll und was für schöne Landschaften es dort geben soll. Als ich mich beim DSJW (Deutsch-Südafrikanisches Jugendwerk) bewarb, bekam ich schnell eine Einladung zum Vorstellungsgespräch und kurze Zeit später stand fest, dass ich nach meinem Abitur einen Weltwärts- Freiwilligendienst in Südafrika machen werde, der im August 2019 starten sollte. Natürlich durfte ein Vorbereitungsseminar nicht fehlen, um die Freiwilligen auf das vorzubereiten, was uns allen bevorstand. Dort habe ich auch meine drei zukünftigen Mitbewohner kennengelernt.
Wir vier haben in einem kleinen Haus in einem Township nahe Zeerust (North-West-Province, circa 45 Minuten von der botswanischen Grenze entfernt) gewohnt. Von der ersten Minute an wurden wir von allen Nachbarn, Mitarbeiterinnen und Kindern herzlich willkommen geheißen und direkt in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Einer der Höhepunkt war, als wir in unserer ersten Woche dort zu einem Gottesdienst eingeladen wurden, der draußen stattfand. Der Pastor hat uns vier aufgerufen, zu ihm zu kommen und es haben sich 20 Leute um uns herum im Kreis aufgestellt und Gott dafür gedankt, dass er uns vier zu ihnen in den Township geschickt hat, um dort zu helfen.
Kindergärten zugewiesen
Zwei verschiedene Kindergärten wurden uns zugewiesen, in denen wir eingesetzt wurden. Einmal in dem Kraaines-Kindergarten direkt in Zeerust, in dem circa 100 Kinder untergebracht waren. Dort haben wir den Erziehern bei den alltäglichen Aufgaben geholfen, also zum Beispiel mit den Kindern den Umgang mit Schere und Klebestift geübt und mit ihnen englische Wörter gelernt, weil fast alle Kinder als Muttersprache Tswana haben. Da blieb uns gar nichts anderes übrig, als auch ein paar Wörter Tswana zu lernen, weil man sich mit den Kindern ja irgendwie verständigen musste. Mittags, wenn die kleinen Kinder schliefen, sind immer ein paar Schulkinder zur aftercare gekommen, denen wir bei Bedarf bei ihren Hausaufgaben geholfen haben.
Der zweite Kindergarten lag direkt bei uns im Township und hatte 15 bis 20 Kinder in seiner Obhut. Dieser bestand aus einer kleinen Wellblechhütte und war im Allgemeinen sehr viel schlichter ausgestattet. Die Erzieher haben uns die Kinder quasi überlassen, während sie kochten oder andere Sachen machten. Viel Zeit verbrachten wir dort mit Spielen, aber wir haben auch Lerneinheiten mit den Kindern durchgeführt. Außerdem haben wir einmal die Woche für alle Kinder im Township gekocht oder Hotdogs gemacht. Dafür wurden von ehemaligen Freiwilligen Spenden gesammelt, mit denen wir Essen kaufen und bei uns im Haus zubereiten konnten.
Ich muss sagen, Corona war von uns eigentlich lange ganz weit weg. Während in Deutschland schon Tausende infiziert waren, gab es in Südafrika gerade mal eine zweistellige Zahl an bestätigten Infektionen. Trotzdem haben unsere Kindergärten schon sehr früh Vorsichtsmaßnahmen eingeleitet. Es war zum Beispiel sehr wichtig, dass wir unsere und auch die Hände der Kinder regelmäßig desinfizieren. Anfang März haben die Kindergärten dann langsam geschlossen und wir vier mussten irgendwann auch nicht mehr zur Arbeit gehen. Einige Kinder sind trotzdem noch gekommen, weil ihre Eltern keine andere Alternative hatten. Kurz vorher hatten wir eine Spendenaktion gestartet, bei der wir Freunde und Familie zu Hause darum baten, etwas Geld für neue Schulsachen der Kinder aus dem Township zu spenden. Viele der Kinder hatten zerrissene Kleidung oder nur eine Plastik Tüte als Schulrucksack und es lag uns am Herzen, ihnen neue Sachen zu besorgen.
Am 16. März war dann der Wendepunkt. Wir bekamen von unserer Entsendeorganisation die Nachricht, dass sich das BMZ dazu entschieden hat, dass alle Weltwärts-Freiwilligen so bald wie möglich die Rückreise antreten müssen. Daraufhin folgten Anrufe von besorgten Eltern, weinenden Freiwilligen und unserem Mentor, der sagte, wir sollen so schnell wie möglich Flüge finden und sie buchen, damit wir nicht festsitzen, falls der lockdown spontan eingeführt wird. In unseren Köpfen herrschte das reinste Chaos.
Nach vielem Hin und Her habe ich einen Direktflug nach Frankfurt für vier Tage später buchen können. Fünf Stunden war ich mit Bus und Taxi allein unterwegs, um dann am Flughafen Johannesburg auf die Öffnung des Gates zu warten. Vier Stunden vor Abflug bekam ich die Meldung, dass South African Airways alle Flüge cancelt und somit auch meinen. Ich bin durch den ganzen Flughafen gelaufen, aber von dieser Airline wollte mir niemand helfen. Zum Glück bin ich noch auf zwei andere Freiwillige mit dem gleichen Problem gestoßen. Zusammen sind wir von Airline zu Airline gelaufen und haben nach Flügen für diesen Abend nach Europa gefragt. Wir haben keinen bekommen. Letztendlich mussten wir uns ein Auto mieten und im Dunkeln zu anderen Freiwilligen fahren, die drei Stunden entfernt wohnten. Zu Dritt haben wir noch drei Plätze in einem Flieger über London ergattern können, der zwei Tage später ging. Diese Flieger sind zum Glück noch geflogen und somit bin ich am Abend des 21. März in Hannover gelandet – fünf Monate zu früh, weil mein Auslandsjahr eigentlich erst im August enden sollte.
Mir ist klar, dass trotz all der Umstände am Ende dieser Freiwilligendienst die beste Entscheidung meines Lebens war, weil ich dort unten nicht nur tolle Menschen kennenlernen durfte, sondern auch ein neues Zuhause gefunden habe. Dorthin werde ich mit Sicherheit zurückkehren, sobald es die Sicherheitsmaßnahmen zulassen, allein schon, um die begonnene Spendenaktion in die Tat umsetzen zu können. Somit würde ich mich auf diesem Wege gerne bei jedem bedanken, der zum Beispiel durch Spendengelder dazu beigetragen hat, dass ich überhaupt an diesem Freiwilligendienst teilnehmen konnte, aber auch bei denen, die mir gerade in der schwierigen Zeit mit seelischer Unterstützung beistanden und mir geholfen haben, das alles gut zu durchstehen. Milena Hensel