Warum Krieg? Eine ewige Frage

Die Autoren Dirk von Werder (links) und Artur Minke am Lindwedeler Bahnhof.
 

Autoren von „Elsbeths Reise“ lesen auch am Originalschauplatz aus ihrem Buch über eine Katastrophe

Lindwedel. Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen! Diesen Satz, der dem griechischen Philosophen Platon zugeschrieben wird, haben Artur Minke und Dirk von Werder an den Beginn ihres Buches „Elsbeths Reise“ gestellt, in dem sie eine Bahnkatastrophe im Zweiten Weltkrieg schildern. Ein Luftangriff auf den Bahnhof Lindwedel (zwischen Hannover und Walsrode gelegen) hatte am 15. Oktober 1944 mehrere furchtbare Detonationen ausgelöst. Eine nie genauer erfasste Zahl Menschen verlor dabei ihr Leben – Schätzungen schwanken zwischen 70 und 460.
Der Schluss des Buches ist versöhnlich: Tage zuvor noch Feinde, lernen sich Engländer und Deutsche nach dem 8. Mai 1945 als Menschen kennen und schätzen, spielen Fußball miteinander, feiern zusammen. Der Satz Platons allerdings, vor über 2400 Jahren erdacht, verliert offenbar nie an brutaler Aktualität. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine reißt Europa aus der Illusion, die Menschen auf dem Kontinent hätten nach den furchtbaren Kriegen des 20. Jahrhunderts endgültig genug von Krieg, Verwüstung und Vertreibung, vom staatlich verordneten Töten.
Ein halbes Jahr nach Erscheinen von „Elsbeths Reise“ wiederholen sich zwischen Kiew und Mariupol die Szenen eines jeden Krieges: Menschen sterben - Soldaten wie Zivilisten, Frauen wie Männer, Kinder wie Alte. Als Elsbeth, ein neunjähriges Mädchen, im Oktober 1944 die Katastrophe von Lindwedel überlebt, wird sie von ihrem Großvater über ein Trümmerfeld getragen – voller toter und sterbender Menschen, zerstörter Häuser und entwurzelter Bäume. „Warum, Opa, machen die Erwachsenen Krieg, wenn doch alle so darunter leiden?“ Die Frage hatte sie zu Beginn ihrer Reise dem Großvater gestellt; einer Reise, die sie von Schwarmstedt zurück zur Mutter nach Hameln bringen sollte, und die dann so furchtbar endete. Opa antwortete: „Ach Kind, wenn das so einfach zu erklären wäre.“
Artur Minke ist Bürgermeister Lindwedels, Dirk von Werder war bis zum Ruhestand viele Jahre Lokalredakteur in der Verlagsgesellschaft Madsack. Gemeinsam haben die beiden Mittsechziger für ihr Buch mit zahlreichen Zeitzeugen der damaligen Katastrophe gesprochen – mit Frauen und Männern vornehmlich, die in jungen Jahren Altern, Geschwister oder Freunde als Folge des Krieges verloren. Ein Kapitel von Elsbeths Reise ist einem russischen Soldaten gewidmet, der nach seiner Gefangennahme durch deutsche Einheiten als Zwangsarbeiter in Landwedel eingesetzt war. Auch er, Wassilie Sgonnikow mit Namen, starb am 15. Oktober 1944. „Er ist ein Opfer des Krieges wie Millionen andere, auch um ihn werden in seiner Heimat Angehörige getrauert haben“, sagt Autor von Werder. In jedem Krieg würden Menschen aller beteiligter Nationen zu Opfern.
Der aktuelle Krieg in der Ukraine tobt weiter, der Zweite Weltkrieg endete zumindest in Europa am 8. Mai 1945. 77 Jahre später, am Sonntag, 8. Mai, 15.30 Uhr, lesen die beiden Autoren direkt am Ort der Katastrophe von Lindwedel: an der Hannoverschen Straße, gegenüber dem Bahnhof. Weitere Lesungen im Raum Schwarmstedt, Wedemark, Neustadt sind in Vorbereitung, eine ist datiert: Am Donnerstag, 19. Mai, 19 Uhr, liest Dirk von Werder im Neustädter Rosenkrug, dem Haus der Altrewa Bürgerstiftung.
Anmeldungen für die Lesung am 8. Mai sowie weitere Terminabsprachen bei Artur Minke, Telefon (05073) 649, oder Dirk von Werder, 0171 33 777 69.