Wer warf das Baby auf die Müllkippe?

Autor und Ex-Kommissariatsleiter Manfred Henze (sitzend) freute sich ebenso wie Buchhändlerin Katharina Sauer den Mellendorfer Kommissariatschef Jochen Sachweh in seiner Lesung begrüßen zu können. Foto: A. Wiese

Autor Manfred Henze liest mehrere Storys an, verrät aber nicht das Ende

Bissendorf (awi). Die Zuhörer in der Buchhandlung Bücher am Markt hatten einen spannenden Abend: In einer Mischung aus Erzählen und Vorlesen riss Autor Manfred Henze mehrere Geschichten aus seinen beiden Büchern „Quälen, Stehlen, Morden – das ist doch nicht erlaubt“ und „Kaffhocker“ an, blieb ihnen jedoch fast in allen Fällen das Ende schuldig. Schließlich ist ja der Sinn einer Lesung, dass die Gäste schließlich ein Buch kaufen, da muss man schon ein wenig mit dem Spannungsmoment arbeiten. Da gab es den Fall vom toten Baby, das der kleine Fritz beim Spielen auf der Neustädter Müllkippe entdeckte. Erst wollte ihm keiner glauben, dann war das ganze „Kaff“ geschockt. „Kaff“ benutzt Manfred Henze nämlich als Synonym für kleine ländliche Orte und deren Einwohner sind die „Kaffhocker“. Sich selbst nimmt der langjährige Neustädter Polizeikommissariatsleiter da übrigengs nicht aus, wohnt er selbst doch auch schon seit Jahrzehnten in Poggenhagen, einem Neustädter Ortsteil. In so einem „Kaff“ kennt jeder jeden, was das Leben nicht einfacher macht. Und in so einem „Kaff“ sah man – zumindest in der Nachkriegszeit, in der Henzes authentische Fälle spielen – auch über Missbrauch Minderjähriger hinweg, ja empfand ihn möglicherweise nicht einmal als solchen. Henze erzählte, dass seine Urahnen den Grundstein für seine schriftstellerische Tätigkeit gelegt hätten. War doch sein Urururgroßvater berittener Dragoner und hinterließ in einer historischen Truhe Aufzeichnungen, die zwar aufgrund der Sütterlin-Schrift kaum zu entziffern waren, hatte man es jedoch geschafft, einem den Atem stocken ließen. Als er nach 45 Jahren Schutzmannsdasein vor vier Jahren in Pension ging, hielt Henze weder den Unruhestand aus noch konnte er das Gefühl ertragen, dass die Aufzeichnungen seines Vorfahren und viele andere Fälle, die er in seiner Dienstzeit zusammengetragen hatte, irgendwann weggeworfen und in Vergessenheit geraten würden. Ganz automatisch stellte er seine eigenen Erfahrungen aus dem Polizeileben dem in früheren Jahren gegenüber und stellte fest, dass die alten Geschichten so spannend und lebhaft waren, dass er sich schon bei seinem ersten Buch, dass vor zwei Jahren herauskam, kaum entscheiden konnte, welche er weglassen sollte. Bei „Kaffhocker“ fiel es ihm dann noch schwerer und so enthält das Buch statt der ursprünglich geplanten 25 doch 27 Einzelgeschichten, darunter auch Henzes Eindrücke beim Suizid des Fußball-Nationalmannschaftstorwarts Robert Enke vor zehn Jahren. Es ist diese Mischung aus traurigen, grausamen, humorigen und nachdenklichen Geschichten, die „Kaffhocker“ so lesenswert macht. Was bewegt eine Frau, ihrem Mann, den sie in Flagranti beim Fremdgehen erwischt, sein bestes Stück fast abzuschneiden? Wie haben die vier Schutzpolizisten es geschafft, eine „Nervensäge“ ins Irrenhaus einweisen zu lassen und wie ging Henzes Erlebnis als blutjunger Schutzmann aus, der von seinem Chef als Lockvogel eingesetzt wurde, um eine Prostituierte zu überführen? Wer all das erfahren möchte, findet die Anwort in den Büchern, die bei Bücher am Markt in Bissendorf erhältlich sind. Neugierig auf seinen schreibenden Ex-Kollegen war übrigens auch Mellendorfs Kommissariatsleiter Jochen Sachweh, der den kurzweiligen Abend sichtlich genoss.