Wer weiß etwas über Zivilarbeiter Stefan Barlog?

Herbert Bertram (von links), Christa Goldau, Marga Froböse geborene Bertram und Heinrich Bertram hoffen auf weitere Informationen über den Verbleib von Stefan Barlog. Auf dem Foto ist die Schmiede an der Stucke-Kreuzung um die Kriegszeit zu sehen. (Foto: G. Vrobel)
 
Das Bild zeigt die Familie von Stefan Barlog in Polen mit seiner Tochter Maria (zweite Reihe von unten, ganz rechts).

Familie Bertram versucht über diesen Aufruf Informationen zu bekommen

Mellendorf (jo). Ein hochgewachsener junger Mann ist Stefan Barlog oder richtiger Szcepan Barlog gewesen. Er soll von athletischer Statur gewesen sein, hatte dunkles, volles Haar und wird aus durchaus attraktiv beschrieben. Im April 2012 wurde er in Polen geboren, hinterließ dort Frau und Tochter, als der Zweite Weltkrieg ausbrach und er Soldat werden musste. Gehört hat seine Familie in Polen zum letzten Mal von ihm, als er als Kriegsgefangener in Deutschland landete und schließlich zusammen mit einem Russen als Zivilarbeiter 1942 nach Mellendorf zu der Familie Bertram in der damaligen Poststraße (heute Williges Worth) kam. Wie sein Schicksal nach dieser Zeit weiter verlaufen ist, gibt große Rätsel auf. Aus Polen erhielt Heinrich Bertram im Jahr 2020 zur Weihnachtszeit Post von der Tochter des ehemaligen Zivilarbeiters, den er als Kind erlebt hat: „Wir hatten damals Landwirtschaft und auch eine Schmiede, der Vater war im Krieg und unsere Mutter war alleine mit uns damals fünf Kindern. Ohne Hilfe hätte sie die Arbeit nie geschafft“, erinnert er sich. Und auch daran, dass Stefan anders als damals vorgeschrieben zusammen mit der Familie am Tisch gesessen hat, dass er ein freundliches Wesen hatte, einen großen Gerechtigkeitssinn und auch mit den Kindern gespielt hat: „Einmal hatte ein Russe unserer Mutter das Fahrrad weggenommen. Stefan ist hinterher und hat es wieder zurück geholt, obwohl er damit für sich selbst ein hohes Risiko eingegangen war.“ Durch den Brief aus Polen, den ein Cousin der mittlerweile 86-jährigen Tochter formuliert hatte, sind auch bei Schwester Marga Froböse und Bruder Herbert die Erinnerungen wieder wach geworden. Allein die Frage nach dem Verbleib von Stefan Barlog ist bis heute ungeklärt. Und dass, obwohl Christa Goldau zusammen mit der Familie bereits intensive Nachforschungen betrieben hat: „Es ist der Versuch, der Tochter den Wunsch zu erfüllen, Gewissheit über das Schicksal des Vaters zu bekommen, bestenfalls eine Grabstelle, zu finden, um für ihren inneren Frieden zu sorgen “, sagte sie jetzt im gemeinsamen Gespräch. Sicher ist, dass Stefan Barlog am 30. Mai 1946 von Mutter Bertram bei der damaligen Landeskrankenkasse Burgdorf abgemeldet wurde: „Das war bereits eineinhalb Jahre nach Kriegsende“, hat sie herausgefunden, „es gibt eine Liste mit dem Datum 28. Mai 1946, die vom Landratsamt angefordert wurde und von Mellendorfs derzeitigem Bürgermeister Klingemeier unterzeichnet ist. Aufgeführt darin sind alle ausländischen Staatsangehörigen, die zu dieser Zeit in Mellendorf als Zivilarbeiterinnen und -arbeiter auf vielen Höfen beschäftigt waren. Insgesamt sind 23 Namen aufgelistet, darunter auch Stefan Barlog mit der Schreibweise Stephan.“ Dann muss alles sehr schnell gegangen sein, denn am gleichen Tag wurden alle diese Arbeiterinnen und Arbeiter aufgefordert, sich am 29. Mai bei der Spedition Ebeling im Dorf zu sammeln, von dort würden sie zurück in die Heimat gebracht. Christa Goldau hat dazu im Kriegstagebuch von Ewald Niedermeyer entsprechende Einträge gefunden: „… die Polen sind heute weggekommen. Mit englischen Lastautos wurden sie am Nachmittag Richtung Celle abtransportiert (nach Bergen-Belsen, Anmerkung Redaktion)…. Sie sollen, wie man hört, gemustert werden und müssen Soldat werden. Sie redeten ja selbst davon, dass sie Polen wieder von den Russen befreien wollten. Bei der Lebensmittelausgabe sagte vor einigen Tagen ein Pole, dass es in seiner Heimat unter der russischen Herrschaft ja viel schlimmer sei als in den deutschen Konzentrationslagern.“
Warum so viele Polen auch nach Kriegsende den Weg in die Heimat nicht antraten und weiter im Dienst in Mellendorf und anderen Dörfern blieben, können sich weder die Bertrams noch Christa Goldau erklären: „Wir wissen aber, dass es im Lager sehr chaotisch zugegangen sein muss, längst nicht alle wurden registriert. Und so sind mehrere Polen auch wieder in ihre früheren Quartiere zurückgekommen. Sieben Polen, die hier weiter arbeiten wollten, sind dann auch mit Genehmigung des englischen Kommandanten geblieben.“ Alle Nachforschungen, ob Stefan Barlog in Bergen-Belsen überhaupt angekommen ist oder vielleicht in das bei Burgdorf gelegene Lager Camp Ohio gebracht worden ist, liefen bisher ins Leere. Deshalb versucht Familie Bertram nun über diesen Aufruf eventuell an weitere Informationen zu kommen. Vielleicht gibt es in Mellendorf noch Familien, in denen die sieben zurückgekehrten Polen gearbeitet haben und die sich an diese besondere Zeit erinnern können. Vielleicht haben die Zivilarbeiter von den Tagen im Lager Bergen-Belsen erzählt, vielleicht sogar von ihrem Landsmann Stefan Barlog. Wer etwas weiß oder weitere Informationen möchte, kann über die Email-Adresse suche1945@gmx.de mit Christa Goldau Kontakt aufnehmen. Sie hat die Hoffnung auf einen Erfolg noch nicht aufgegeben. Unterlagen hat sie unter anderem über den Historischen Arbeitskreis erhalten, die Gemeinde Wedemark und auch das zentrale Arolsen Archiv haben ihr Dokumente zur Verfügung gestellt: „Vielleicht kommen wir mit weitern Informationen wieder ein Stück weiter“, ist ihre Hoffnung.