"Wie einen Schatz heben"

Hendrik Brandt: "Die Gesellschaft ist in einer Zentrifuge, die sich immer schneller dreht." (Foto: E. Nagel)
 
Franz Rainer Enste: "Geschichte versteht kein Vakuum und duldet keinen Stillstand." (Foto: E. Nagel)

Abschluss-Symposium zu "Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950"

Bissendorf (ok). Geschichte sei nicht für immer in Stein gemeißelt, denn mit jeder Generation änderten sich die Perspektiven "Wir schreiben uns unsere Geschichte selbst und immer neu", machte Hendrik Brandt bei seinem Festvortrag mit dem Titel „Vergessen Sie´s!? – Einige Fragen zur Geschichte in der Gegenwart“ im Bissendorfer Bürgerhaus  deutlich. Der Chefredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) war der Festredner eines Geschichtssymposiums der Gemeinde Wedemark, das live im Internet auf You Tube übertragen wurde und dort auch noch weiterhin zu sehen ist. Ein Symposium, das den Abschluss eines siebenjährigen Lokalprojektes mit dem Titel "Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950" bildete. Eine Zeit, in die auch in der Wedemark die zwölf prägendsten Jahre der deutschen Historie fielen. Wir sollten gemeinsam daraus lernen, damit es sich nicht wiederhole. Brandt stellte sich die Frage: "Kann man überhaupt etwas lernen?" Und gebe es eine Bereitschaft, sich mit historischen Zusammenhängen auseinanderzusetzen oder gar eine Ablehnung historischer Wahrnehmungen? Schon der Philosoph Friedrich Nietzsche habe sich gefragt, ob Glück nur durch Vergessensein zu erreichen sei. Hendrik Brandt: "Nicht jeder kann und nicht jeder will etwas aus der Geschichte lernen, manchmal geht es nicht." Es müsse immer eine Vermittlungsebene mitgedacht werden. Briefmarkensammeln sei zwar ein schönes Hobby, bringe aber wenig Nutzen für das Leben. Ergebnisse aus der NS-Zeit dürften nicht für sich behalten werden, sondern es müsse darüber gesprochen und reflektiert werden. Dafür müsse es aber auch einen hinreichenden Resonanzboden geben. In seinem Vortrag ging Brandt auch auf die lange Dauer des Projektes ein, betonte, dass die heutige Gesellschaft nicht mehr die des Jahres 2014 sei. Die Zahl der Migranten sei gestiegen, die Kluft zwischen Arm und Reich habe sich vergrößert, ja auch verschärft. Mit der Pandemie habe es Risse in Familien, Vereinen und Verbänden gegeben. Politik werde geringer geschätzt. "Die Gesellschaft ist in einer Zentrifuge, die sich immer schneller dreht.". Es bestehe die Gefahr, das Gespräch miteinander zu verlernen, in der Corona-Pandemie gebe es oft nur schwarz oder weiß,nicht grau. Das  Vertrauen in die Institutionen gehe verloren, mit solch einem Verlust habe auch der Aufstieg des Nationalsozialismus  begonnen, schlug Brandt einen historischen Bogen: Aber es gebe einen breiten demokratischen Konsens, damit es nicht zu einem historischen Kurzschluss komme. Kommunikation sei nicht unmöglich.Hendrik Brandt: "Wir müssen der Geschichte auf der Spur bleiben, aus der Gegenwart schreiben und aus der Vergangenheit verstehen."
Im zweiten Teil des Geschichtssymposiums ging Franz Rainer Enste auf das Thema "Erinnerungskultur und Demokratie" ein. Enste hatte als Projektkoordinator die Fäden der lokalen Arbeit vieler Beteiligter  in der Hand, die letztendlich in zwölf kleinen Bänden und einem dicken Buch über Elze mündeten. Mit dabei war zum Beispiel auch das Gymnasium und auch in Zukunft sollen die Ergebnisse in den Unterricht der weiterführenden Schulen einfließen. Für Enste war das gemeinsame Wirken "wie einen Schatz heben". Es sei deutlich geworden, dass das Terrorregime seine diktatorischen Finger bis in die kleinsten dörflichen Strukturen gesteckt habe. Eine Zukunft gebe es nur mit Rückblick in die Vergangenheit. In der Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Euphorie sei vieles verbuddelt und verdrängt worden. Franz Rainer Enste: "Frühere Versäumnisse fallen uns heute vor die Füße und endeten auch in Demokratieverlust." Und weiter: "Wir haben eine Lücke, einen weißen Fleck, mit Leben gefüllt."Geschichtsschreibung sei immer ein offenes Unterfangen ohne fixiertes Ende. Das Projekt habe Bedeutung als Erinnerungskultur, Dienst an der Demokratie und für zukünftige demokratische Werte und langfristige Stabilität des demokratischen Gemeinwesens. Enste ging in seinem Vortrag hart ins Gericht mit "Vereinfachungspropheten", die für Instrumentalisierung und Verschwörungstheorien stünden. Neue Ideologien erschafften neuen idealismus. Franz Rainer Enste: "Geschichte versteht kein Vakuum und duldet keinen Stillstand." Die Geschichte der Menschheit gehe immer mit uhrwerkartiger Präzision und geringer Vorhersagbarkeit weiter. "Wir dürfen niemals nachlassen im Kampf um eine friedliche und demokratische Grundordnung und für eine friedliche und gerechte Welt", sagte Enste, der auch Antisemitismusbeauftragter des Landes Niedersachsen ist. Für jedes komplexe Problem gebe es eine einfache Lösung, und die sei falsch. Einfache Lösung, die "geistige Gurus" vermitteln wollten. Es bestehe die Gefahr, dass die Demokratie an einem Kampf der Ängste zerbreche, der Glaube und der Kampf um eine angstfreie und hoffnungsvolle Demokratie dürfe deshalb niemals aufgegeben werden.
Zum Abchluss des Geschichtssymposiums und damit auch des gesamten Projektes bilanzierte Bürgermeister Helge Zychlinski: "Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Wedemark ist ein dauerhafter Prozess."Die Wahrnehmung und die Schlüsse jedes Einzelnen in der Wedemark seien enorm wichtig.  Die Erinnerungskultur in der Wedemark müsse mit Erkenntnissen belebt werden, nicht zuletzt, um die Demokratie zu verteidigen. Er verurteilte Angriffe auf Kommunalpolitiker auf Schärfste und dankte denen, die sich für ihre Gemeinde politisch und umfassend engagierten. Und er dankte auch Franz Rainer Enste mit seinen "Dompteurs- und Motivationskünsten". Zychlinski, der 2014 den Stein des Anstoßes gegeben hatte, versprach: "Die Erinnerungskultur wird in der Wedemark erst so richtig Fahrt aufnehmen."