Wolfgang Kiehl referiert bei Suchtpräventionswoche der IGS

Wolfgang Kiehl vom Suchtmobil referierte im Rahmen der Kooperation der IGS Wedemark mit Hannover 96 einen ganzen Vormittag vor den Siebtklässlern im Forum des Schulzentrums. Foto: A. Wiese

„Im Idealfall könnt Ihr Euch besser schützen als ich es damals konnte“

Mellendorf (awi). Bevor auch die IGS Wedemark ihre Schüler in die Ferien entließ, stand für den siebten Jahrgang die Suchtpräventionswoche auf dem Programm. Ein Präventionsprojekt mit einer Handballmannschaft, das Theaterstück Happy Hourder Theaterwerkstatt Göttingen, Klarsicht – ein Mitmachparcours zu Tabak und Alkohol und ein Vortrag von Wolfgang Kiehl im Rahmen des Suchtmobils. Vielleicht waren die anderen Punkte actionsreicher als ein paar Schulstunden lang im Forum zu sitzen und einem Ex-Alki und Ex-Junky zuzuhören, aber ob sie auch so viel bewirkt haben. Wen dieser eindringliche Appell eines Mannes, der ganz unten war und es doch geschafft hat, sich freizustrampeln und nun seine Lebensaufgabe darin sieht, junge Menschen vor den Gefahren der Abhängigkeit von Alkohol und anderen Drogen zu warnen, nicht beeindruckt und sensibilisiert hat, bei dem werden wahrscheinlich auch die anderen Projekte ohne Widerhall bleiben.
Sieben Jahre war Wolfgang Kieh heronabhängig. „Ich will Euch erzählen, wie es dazu gekommen ist, wie man lebt und wie man wieder rauskommt“, sagte der hochgewachsene Mann ernst vor den Siebtklässlern. Er wolle ihnen „eine Einsicht geben, die man sonst nicht hat“, so Kiehl: „Und im Idealfall könnt Ihr Euch besser schützen als ich es damals konnte“. In 100 Schulen referiert er dies jährlich vor rund 10.000 Schülern. Für die IGS Wedemark war die Veranstaltung auf Grund ihrer Kooperation mit Hannover 96 kostenfrei. Wolfgang Kiehl ist in Hannover groß geworden. Auf der Grundschule in Herrenhausen war noch alles in Ordnung. Als er nach dem Umzug der Familie in die fünfte Klasse der Hauptschule in Langenhagen eingeschult wurde, sei plötzlich „alles anders“ geworden. Er sei nur noch angepöbelt worden, normales Lernen nicht möglich gewesen. Doch einen Schulwechsel habe sein Vater nicht erlaubt. „Du musst lernen, dich abzugrenzen im Leben“, seien die väterlichen Worte gewesen: „Geh deinen Weg!“ Das habe er denn auch gemacht. Doch es sei der Falsche gewesen. Weil er von den Mitschülern nicht akzeptiert worden sei, habe er sich in die Rolle des Klassenkaspers geflüchtet. In der Schule gab es Ärger, zu Hause Streit und Druck. Zwischen der fünften und achten Klasse sei die Beziehungsschere zwischen ihm und seinen Eltern total auseinandergegangen. „Wer aufhört Zuhause über Dinge zu reden, die ihn bewegen, kann davon ausgehen, dass er durch diesen Kommunikationsmangel akut gefährdet ist“, gab Wolfgang Kiehl den Wedemärker IGS-Schülern mit auf den Weg, die ihm erstaunlich aufmerksam für Siebtklässler lauschten. Schon in der fünften Klasse hatte Kiehl mit dem Rauchen angefangen, in der achten Klasse blieb er sitzen, war laut Schulleitung „faul und frech“. In der neuen Klasse habe er „von Anfang an Mist gebaut. „Ich wollte der Tollste sein, um endlich akzeptiert zu werden“, reflektiert er. Er schloss sich einer Clique von Schulverweigerern an, half dabei , die Fische des Hausmeisters zu vergiften und flog von der Schule. Der Vater sah in einer Handwerksausbildung die einzige Möglichkeit seinen ganz offensichtlich missratenen Sohn zur Räson zu bringen und bestach einen Klempnerbetrieb den 15-Jährigen und dann 16-Jährigen zunächst für ein Praktikum und dann in die Lehre zu nehmen. Hier begegnete Wolfgang Kiehl der Droge Alkohol als „Thema Nummer 1“: In dem Betrieb wurde Alkohol getrunken, wenn das Wochenende vor der Tür stand, jemand in Urlaub ging, aus dem Urlaub kam, eine Baustelle beendet wurde oder einfach nur die Sonne schien. „Verabschiedet Euch von den Begriffen „weiche und harte Drogen“, so Kiehl zu den Schülern. Alkohol sei die schlimmste, weil legale Droge und überall verfügbar. In Deutschland sei es anders als im Ausland völlig unvorstellbar ohne Alkohol zu leben, dabei sei dies die Einstiegsdroge Nummer eins für Drogenabhängige. Und so ging es auch Wolfgang Kiehl. Er trank Alkohol, traf die falschen Leute, überwarf sich ganz mit seinen Eltern und wurde schließlich, nachdem er es darauf angelegt hatte, von seinem Vater auf die Straße gesetzt. Die Clique, in der er sich wohlfühlte und in deren WG er schließlich zog, probierte alles aus, steigerte den Drogenkonsum von leichten Joints über Pillen und Koks schließlich bis zu Heroin. Kiehl schilderte seinen Weg in den Abgrund transparent und aus der Sicht des damaligen Jugendlichen nachvollziehbar. Er habe es tatsächlich, nachdem er ganz unten gewesen sei, geschafft wieder herauszukommen. Aber das gelänge den Wenigsten. Einem Satz seines Therapeuten maß er besonderes Gewicht bei: „Sag nein zu anderen, dann sagst du ja zu dir.“ Er habe das damals nicht verstanden, aber er hoffe, dass es die Schüler nach seiner Geschichte verständen, sagte Kiehl sehr ernst.