Zeitzeuge spricht zu IGS-Schülern

Zeitzeuge Gershon Willinger (von rechts) spricht über sein jüdisches Leben, IGS-Lehrer Joachim Kasten und Schüler hören aufmerksam zu. Foto: B. Stache

Gershon Willinger überlebt als jüdisches Kind ohne Eltern den Holocaust

Mellendorf (st). Vor eineinhalb Jahren war Gershon Willinger, Sohn einer jüdischen Familie aus Dortmund, schon einmal zu Gast an der IGS Wedemark. Damals referierte er vor Schülern des Leistungskurses 12 Geschichte und vor einer 10. Klasse über sein Leben – er wurde 1942 in Amsterdam geboren. Dorthin waren seine Eltern ins Exil gegangen. Am 2. Juli 1943 endete ihr Leben im deutschen Vernichtungslager Sobobor/Polen. Ihr Sohn Gershon war bei einer nicht-jüdischen Pflegefamilie untergebracht. Später wurde auch er festgenommen und landete schließlich am 13. September 1944 mit 49 anderen Kindern, der Gruppe „Unbekannte Kinder“, in Bergen-Belsen. Am 17. November erfolgte deren Verlegung in das KZ Theresienstadt. Im Mai 1945 erlebte Guido Willinger, der auf der Liste „Unbekannte Kinder“ unter dem Namen Fritsje Israel geführt wurde, die Befreiung durch die Rote Armee. Auch alle anderen 49 Kinder seiner Gruppe hatten überlebt. Im Frühsommer 1945 kehrte er in die Niederlande zurück, wo er bis zu seinem 18. Lebensjahr bei verschiedenen Pflegefamilien und in einem Sanatorium aufwuchs. Danach zog er in einen Kibbuz nach Israel und wurde mit 19 Jahren Fallschirmjäger in der israelischen Armee. 1977 folgte die Emigration nach Kanada, wo Gershon Willinger noch heute mit seiner Familie lebt. Bei seinem erneuten Besuch der IGS Wedemark sprach Gershon Willinger am Montag vor zwei neunten Klassen, die sich zuvor im Geschichtsunterricht mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandergesetzt hatten. „Die Biografie von Gershon Willinger wird den Schülern die Geschichte zusätzlich verdeutlichen und damit eine besondere Möglichkeit eröffnen, Empathie für die Opfer dieser Ideologie und ihrer Täter zu entwickeln“, betonte IGS-Lehrer Joachim Kasten. „I tell you a story that´s correct“, erklärte Gershon Willinger zu Beginn seiner Ausführungen in ruhigen, wohl gesetzten Worten. „Fritz is my wartime name, given by my wartime parents“, erinnerte er sich. Seine präzisen Erinnerungen basieren auf genauen Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit. „The Nazis were very precise“, erklärte der Zeitzeuge. Das Ehepaar Jane und Gershon Willinger ist anlässlich der Feierlichkeiten zum 73. Jahrestag der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen nach Deutschland gekommen und nutzte die Gelegenheit, auch die Sonderausstellung „Kinder in Bergen-Belsen“ zu besuchen. Diese kann zu den üblichen Öffnungszeiten in der Gedenkstätte bis Ende September besucht werden. Der Besuch dieser völlig neuen Ausstellung sei sehr beeindruckend gewesen, berichtete die Ehefrau.