Zychlinski forciert öffentlich geförderte Neubauten

Der Zuwachs an alten und pflegebedürftigen Menschen in der Wedemark lässt neue Wohnraumkonzepte nötig werden. Bürgermeister Helge Zychlinski (M.) sprach mit Rolf Reupke vom Seniorenbeirat (l.) über Lösungsansätze. Gisela Schwarz (2. v.r.) und Hiltraud Wollschläger leben seit 2006 mit ihren Ehemännern in der Seniorenresidenz am Rebenweg, die von Karl-Josef Conrads verwaltet wird. Foto: S. Birkner

Gespräch am Rebenweg: Gemeinde wird für barrierefreien Wohnraum sorgen

Mellendorf (sb). Glaubt man Prognosen, die im Gemeindeentwicklungsplan veröffentlicht sind, wird die Zahl der Über-80-Jährigen in der Wedemark von 2003 bis 2020 um fast das Zweieinhalbfache ansteigen. Sie sollen dann 6,5 Prozent des Gesamtbevölkerung ausmachen. Auch die Gruppe der Rentenempfänger ab 66 werde um ein Drittel wachsen, so das Szenario.
Wirft die Zukunft also ihre Schatten voraus? Für die Gemeindeverwaltung und Bürgermeister Helge Zychlinski gelten starkes Wachstum der älteren, nicht länger erwerbstätigen Bevölkerungsschicht – und damit steigende Pflege- und Betreuungsnotwendigkeit – in der Wedemark als sicher. Damit wird der Begriff des „demografischen Wandels“ vom Schreckgespenst zur realen Herausforderung. In Voraussicht dieser Entwicklungen besuchte Zychlinski am vergangenen Dienstag die Seniorenresidenz Rebenweg, die seit ihrer Fertigstellung im Jahr 2006 als erprobte Variante des betreuten Wohnens angesehen werden darf.
Wie Verwalter Karl-Josef Conrads erklärte, befinde sich der Gebäudekomplex am Rebenweg nicht in der Hand eines Großinvestors, sondern gehöre den Mitgliedern der Eigentümergesellschaft. Der Komplex umfasse 28 Wohnungen, für die, vermietet, eine Kaltmiete von 9,25 Euro veranschlagt wird. Das liegt deutlich über der Kaltmiete von sechs Euro pro Quadratmeter, die als Obergrenze der Grundsicherung finanziell schwächerer Senioren angesehen wird. Die meisten Wohnungen im Rebenweg umfassen eine geräumige Wohn- und Kochfläche von 57 Quadratmetern und liefern mit dem Mietpreis die Kosten für Fahrstuhl sowie Flur- und Fensterreinigung. Auch ist den Bewohnern des Rebenwegs im Mietpreis werktags eine Halbtagsbetreuung und ein Aktivitätenangebot durch den Pflegedienst Caspar und Dase gewährleistet. Es wird gespielt, gekocht und auf den Wochenmarkt gefahren.
„Dieses Angebot ist sozial sehr wertvoll, beinhaltet jedoch nicht die ambulante Pflege und ist für finanziell Schwächere nicht bezahlbar“, stellte Rolf Reupke vom Seniorenbeirat klar und verdeutlichte seine Forderung: „Die Gemeinde Wedemark muss sich für bezahlbaren barrierefreien Wohnraum einsetzen.“ Breite Flure mit Geländern, großzügige Badezimmer und Rollstuhlzugänglichkeit sind seine Kernanliegen.
Zychlinski entgegnete, dass die kommenden zehn Jahre ganz wesentlich in der Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums für Senioren in der Wedemark sein werden. „Die Zeit der Wohlstandsgenerationen ist vorbei“, erkannte der Bürgermeister, der sich für die Bereitstellung grundsicherungsgerechten Wohnraums und leichtem Pflegezugang stark machen möchte. In diesem Fall sollte die Kaltmiete pro Quadratmeter nicht höher als sechs Euro liegen, also um 50 Prozent niedriger als im Rebenweg.
Zychlinski hofft in seinem Anliegen auf Gelder des Bundes und auf die Marktwirtschaft. „Sollte die Gemeinde Flächen oder Gebäudekomplexe zur Verfügung stellen, werden viele Pflegedienste um den Zuschlag konkurrieren“, sagte er. Derartige Flächen seien schwer zu finden, räumte Zychlinski ein – besonders dort, wo Infrastruktur und lokale Geschäftsanbindung den Senioren größtmögliche Mobilität ermöglichen. „Es muss und wird öffentlich geförderte Neubauten geben“, sagte Zychlinski und zog dafür die Wedemärker Hauptgeschäftsorte Bissendorf, Mellendorf und Elze in Betracht. „Nur dort ist den Senioren fußläufige Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten und Nahverkehr gewährleistet“, sagte er und schielte zum Beispiel auf die freie Gewerbefläche im Elzer Ortskern. Auch sagte Zychlinski, dass die Gemeinde dem Mangel an barrierefreiem Wohnraum nicht mit Um-, sondern in besonderem Maße mit Neubauten gerecht werden müsse.