„Jetzt als Leistungssportler auf Topniveau“

Rollstuhlbasketballstar und Kapitän von Hannover United Jan Sadler. Foto: A. Wiese
 
Jan Sadler und Freundin Vanessa Erskine. Sie kommentierte die Spiele der Rollstuhlbasketballer in Tokio. Foto: A. Wiese

Rollstuhlbasketballer Jan Sadler aus Elze (Hannover United) ist zurück von den Paralympics

Elze/Region (awi). Jan Sadler, Verteidiger im Rollstuhlbasketballteam von Hannover United ist zurück aus Tokio. Der 28-Jährige war bei seinen ersten Paralympischen Spielen am Start. Die deutsche Nationalmannschaft der Herren im Rollstuhlbasketball ist Siebter gworden. Zufrieden mit dem Erreichten?„Auf dem Papier bin ich nicht zufrieden“, räumt Sadler offen ein: „Wir wollten unter die ersten vier, unser großes Ziel war das Viertelfinale. Okay, das haben wir erreicht, aber wir haben auch gemerkt, dass wir mit den ganz Großen mithalten können diesen Sommer. Da wäre mehr drin gewesen. Das Team habe seit 2019 eine sehr gute Entwicklung durchgemacht, neue Sponsoren und wesentlich leichtere Sportrollstühle bekommen, die man sehr individuell einstellen kann, zum Beispiel in puncto Sitzposition. „Wichtig ist es vor allem, den Rollstuhl leichter zu machen durch den Titangreifring, wo man mit pusht. Titan ist leichter als Edelstahl, da geht es um absolute Optimierung. Titan bricht schneller, ist aber effektiver. Die Achse ist aus Carbon, da geht es ebenfalls ums Gewicht“, erläutert Sadler. Aktuell werden die deutschen Rollstuhlbasketballer vom britischen Hersteller sunrise medical und rgk gesponsert. In Deutschland seien die Sportler sehr gut duch die Pandemie gekommen. Das gelte auch für den Rollstuhlbasketball. Der Ligabetrieb sei nicht zum Erliegen gekmmen wie in anderen Ländern. Hier gebe es eine gute Infrastruktur, und Vereine und Leis-tungsstützpunkte, die das möglich gemacht hätten.
Also optimale Vorbedingungen, waren die Gegner einfach zu stark? „Wir hatten eine herausragende Gruppe erwischt, die Top vier der letzten Weltmeisterschaft“, gibt der Paralympics-Sportler zu bedenken. Deutschland sei dennoch Gruppenvierter geworden, habe den Iran und die USA sowie den amtierenden Weltmeister Großbritannien geschlagen. Im Viertelfinale gegen Spanien, gegen die man im Sommer in fünf Testspielen angetreten und nur eins verloren habe, habe es dann knapp nicht gereicht. „Mit drei Punkten Abstand verloren, war bitter“, resümiert Jan Sadler.
Die Änderung der Klassifizierung der Rollstuhlbasketballer hatte im Vorfeld für Diskussionen geführt. Auch beim Deutschen Herrenteam? „Bei uns ist keiner durch die Änderung der Klassifizierung rausgenommen worden“, stellt der Sportler fest. Dabei geht es um die
Definition der Behinderung durch ein Punktesystem von 1 bis 4,5. Eins ist die stärkste Behinderung, zum Beispiel eine Querschnittlähmung, 4,5 bedeutet keine Beeinträchtiung. Insgesamt dürfen auf die fünf Feldspieler nur 14 Punkte kommen: So sind zum Beispiel zwei Ein-Punktspieler, ein Drei-Punkt-Spieler und zwei Nichtbehinderte auf dem Feld. Jan Sadler hat drei Punkte. Das kann sich aber ändern. Vor jedem Turnier wird die Klassifizierung überprüft, ob der Spieler vielleicht austrainierter ist, mehr Muskulatur hat oder einen anderen Rollstuhl. Jetzt steht möglicherweise eine weitere Verschärfung der Klassifizierung bevor und für alle Verbände, die sich nicht an die Regeln halten, die Androhung im Raum, die Disziplin in vier Jahren in Paris rauszunehmen.
Jan Sadler findet die Klassifizierung schwierig: „Beeinträchtigt bin ich, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, regulären Sport auszuüben. Chancengleichheit soll ja sein, aber Schmerz kann man nicht messen. Ich kann auf dem Papier gesund sein, aber konstant Schmerzen im Bein haben!“
Aus Tokio selbst kann der Wedemärker Top-Sportler, der jetzt die Ruhe im Garten seiner Eltern in Elze genießt, gar nicht so viel bericht: „Wir waren ja nur im olympischen Dorf. Das ist wie eine Stadt in der Stadt. Unser Team war allerdings 2018 schon mal für 14 Tage da, einem Vorbereitungsturnier für vier Nationen.da 14 Tage da.“ Diesmal waren es jetzt insgesamt 19 Tage. Man müsse sich das wie eine Hochhaussiedlung vorstellen. Auf dem Gelände durften sich die Sportler mit Maske und Abstand frei bewegen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren immens was Corona betrifft: Stacheldrahtzaun, Einlass- und Taschenkontrollen, Akkreditierung, Hygieneregeln, Handschuhe anziehen, Essen in separaten Plastikboxen. Wo bleibt da das Gemeinschaftsgefühl? „Das war da“, versichert Jan Sadler. Er habe zwar keinen Vergleich, da dies seine ersten Paralympics gewesen seien, doch der paralympische Geist sei zu spüren gewesen.Die deutschen Sportler waren alle in einem Haus untergebracht. Und wie sah es mit der Behindertengerechtigkeit aus? Darüber hätten sich die Japaner viele Gedanken gemacht, lobt Sadler die Super-Organisation.
Und wie geht es jetzt nach den Paralympics, auf die er fünf Jahre hingearbeitet hatte, für Jan Sadler weiter? Der Wedemärker will nach Hannover ziehen, in die erste eigene Wohnung zusammen mit seiner Freundin Vanessa Erskine, die auch Rollstuhlbasketballerin ist und in Tokio als Kommentatorin dabei war. Sein Journalistikstudium hat er abgeschlossen. Beim Verein Hannover United ist er als geringfügig Beschäftigter angestellt. Zusätzlich will er inklusive Schulprojekte machen und bekommt Sporthilfe: Weil das Team das Viertelfinale erreicht hat, wird jeder Spieler monatlich mit einer bestimmten Summe vom Bund gefördert. Das gilt für alle Teilnemer mit Mindesterfolg mit Kaderstatus für zwei Jahre, wegen der Verschiebung auf 2021 allerdings nur bis Ende 2022 bis zur nächs-ten Weltmeisterschaft. „Reich wird man davon nicht, aber zum Leben reicht es“, meint Jan Sadler zuversichtlich. Sein nächstes Ziel ist die Europameisterschaft der Rollstuhlbasketballer im Dezember 2021 in Madrid, die eigentlich schon im Sommer stattfinden sollte. Da bleibt aber nicht viel Zeit für die Vorbereitung! Wann geht denn das Training wieder los? Die Bundesliga ist ausgesetzt, Ende November werden die Spieler zusammengezogen, das Team bleibt größtenteils wie in Tokio. Die Regeln ändern sich erst nächstes Jahr, berichtet Sadler. Er selbst werde wieder eine tragende Rolle haben. „Ich gehöre zum Spezialkommando, bin Defendspezialist in einer sehr kleinen, aber schnellen Truppe, in der der Fokus auf gutem Defense liegt“, erklärt Sadler. Körbe wirft er aber auch, vier waren es in Tokio: „Ich bin für den speziellen Eensatz, komme von der Bank, wenn zu großer Rückstand ist, um den Lauf zu stoppen (Line-Up),.Ein Wechsel ist in dieser Disziplin unbeschränkt möglich, bei jeder Spielunterbrechung. So war Jan Sadler in brenzligen Situationen immer dabei, nur gegen Algerien nicht, dem schwächsten Gegner. „Ich habe großen Einflus auf das Spielgeschen, Tokio war eins meiner besten Turniere. Ich bin auf den Punkt fit gewesen und auch mit dem Klima gut mit zurecht gekommen“, verrät Sadler. In den ersten Tagen sei es 40 Grad heißt gewesen, dann kühler, aber immer noch mit hoher Luftfeuchtigkeit. Doch die deutschen Athleten waren früh genug angereist und haben im Team nicht nur einen Physiotherapeuten, sondern auch eine Sportpsychologin, um mental fit zu bleiben. „Was zwischen den Ohren abgeht, ist genauso so wichtig wie dass der Körper funktioniert“, so Tipp von Jan Sadler, der das gute Teamgefüge lobt. Jetzt schaut er nach vorne: auf die Weltmeisterschaft 2022 in Dubai, die Europameisterschaft 2023, die nächsten Paralympics in Paris 2024. „Als Rollstuhlbasketballer bin ich jetzt mit 28 auf Topniveau, körperlich topfit, die Erfahrung kommt dazuJetzt fängt es an Spaß zu machen“, sagt Jan Sadler mit glänzenden Augen. Und wielange? Der Sport wird immer schneller und athletischer, mit spätestens Ende 30 ist Schluss.
Aber Jan Sadler will Botschafter der Inklusion bleiben, bei Schulprojekten und im Verein weiter mitarbeiten. Und wenn es mit dem Leistungssport irgendwann weniger wird, soll es mit dem Journalismus mehr werden.